Als Jean-Paul Sartre in den frühen dreißiger Jahren am Gymnasium von Le Havre lehrte, machte ihm das Sein zu schaffen, vorzugsweise in Gestalt von Schalentieren. Während eines besonders unangenehmen Meskalin-Flashbacks hatte er stundenlang den Eindruck, eine Languste würde ihm durch die Straßen der Stadt folgen. Manchmal war es auch nur der aufdringliche Anblick einer glänzenden, gewundenen Buschwurzel, die ihn über das Sein als solches nachdenken ließ.

Auch Olli Dittrich gerät bisweilen in solche Zustände. Dann ist er von einer Frisur fasziniert, von einem Sprachfehler oder davon, "wie einer so eigentümlich seine Gabel ablegt". Als Kind war er der Einzige der drei Geschwister, der gerne vor den Sendungen für Ausländer saß, die das ZDF samstags ausstrahlte, weil in Yugoslavija dobar dan die Gesten, die Mimik und die Sprache so anders waren. Über diese existenziellen Erfahrungen schreibt er keine Bücher, er macht Fernsehsendungen. Die werden zwar in der Sparte Comedy gesendet, sind aber genau genommen nichts anderes als angewandte Phänomenologie. Sie sind sehr oft, aber nicht immer, zum Lachen und befördern das Staunen und das Wiedererkennen von Eigenarten, von denen man zuvor gar nicht wusste, dass man sie bemerkt hatte. Bekannt wurde Olli Dittrich Mitte der neunziger Jahre in der RTL-Show Samstag Nacht mit einer ganz simplen Lautveränderung: Als Moderator einer Sportschau-Parodie sagte er statt Sport einfach Spocht. "Wir kommen zum Spocht." Sowas ist nicht wirklich komisch, aber es ist wahr - man erkennt es wieder.

Die zweite Staffel seines Programms Olli Tiere Sensationen, die an diesem Sonntag beginnt, bietet eine Fülle dieser mit großer Sorgfalt hergestellten, künstlichen wahren Momente. So wie Federico Fellini die Adria, wie er sie im Studio 5 von Cinecittà mit Plastikplanen nachstellte, für realistischer hielt als das echte Meer, so ist das Blind Date, das Olli Dittrich mit Anke Engelke improvisiert, beeindruckender als jedes echte am Nachbartisch verfolgte Treffen: Rainer König, mit Minipli und Pilotenbrille, der eine Krawatte unterm gemusterten Pullover trägt, hat eine Kontaktanzeige aufgegeben und trifft auf Evi, unsicher in ihren zu kurzen Klamotten, die heute wegen einer besonderen Sternzeichen- und Farbenlehrenkonstellation ihren "grünen Tag" hat und nur grüne Speisen zu sich nehmen darf. Auch die Zwiesprache, die Dittsche, der Held der Miniserie Das wirklich wahre Leben, mit Rudi, einem Imbisswirt, über eine kaputte Wurst hält, verfolgt einen so lange, bis man kaum noch weiß, ob man nicht selbst auch im Imbiss herumgestanden hat. Diese Dialoge haben keine lauten Pointen, das wäre, so erklärt es Olli Dittrich, zu riskant für die feinsinnige Dramatik: "Es geht mir nicht darum, meine Figuren zu benutzen, um einen deutlichen Witz zu machen. Damit kommt man höchstens ein, zwei Gags weiter. Und dann sind sie nicht in der Lage, das Absurde, die Feinheiten, die Skurrilität der Figur darzustellen. Wenn ich Rainer König nicht so normal aussehen und agieren lassen würde, würde man gar nicht dieses gesamte Bild erkennen können, wie der da sitzt und klemmig versucht zu sagen, was er für 'n toller Hecht ist."

Diese Art von Handwerk, die es braucht, um Realität künstlich zu erzeugen und dabei besser kenntlich zu machen, hat es im Fernsehen heute schwer. Gerade weil so viel von Reality die Rede ist. Für Olli Dittrich ein komplettes Missverständnis: "Jede Art von absichtlicher Kasernierung und der so durchschaubare Versuch, Leute an ihre Grenzen zu bringen und noch darüber hinaus, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, an diesem Niedergang, diesem Spektakel voyeuristisch teilzuhaben, das ist für mich keine Unterhaltung, sondern idiotisch." Besonders problematisch findet er dabei die Annahme, man könne Intimität in der Container-Optik billiger Überwachungskameras angemessen darstellen: "Gerade die Darstellung von Intimität, und damit meine ich nicht nur die Sexualität, sondern auch so etwas wie die Intimität des Normalen, des Unspektakulären, erfordert höchste handwerkliche Qualität."

Der Zuhälter beim Herrenaustatter: Ratlos

Olli Tiere Sensationen bemüht sich um die Intimität des Alltäglichen selbst bei Figuren, die das Zeug zum pointensprühenden Comedy-Star haben; Mike Hansen beispielsweise, ein Dittrich-Klassiker, der mit seiner Bomberjacke und seinem altersschwachen Pitbull sofort als Kiezbewohner identifizierbar ist. Die Szene, in der Hansen mit seiner Freundin Mändy ein Sakko für den bevorstehenden Geburtstag seiner Mutter kauft, lebt aber nicht von nahe liegenden Kiez-Gags, vielmehr wohnt der Zuschauer einer kompletten Textil- und Sozialkatastrophe bei: Hansen wird von seiner rheinisch-fröhlichen Freundin eher bedrängt als beraten, schämt sich zugleich für sie und ist überhaupt überfordert: der Herrenausstatter als Krisengebiet.

Gerade solche beliebten Figuren sind durch den Comedy-Boom gefährdet: "Wenn Sie etwas machen, was ein Potenzial zur Popularität hat, dann haben Sie immer Leute, die zugreifen und sagen: ,So, das ist jetzt gut!' Das wird dann herausgepickt und so gezielt gefordert, immer wieder und jede Woche und noch mal und noch mal, wo es doch viel klüger wäre, es viel seltener zu machen, um auch den Protagonisten die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten." Dittrich kennt diesen Durchlauferhitzer-Effekt aus eigener Erfahrung: "Nach fünf Jahren RTL Samstag Nacht war ich absolut leer. Und ich kann wirklich sagen, mir fällt eigentlich immer was ein."