Der Bundeskanzler erst zum orthodoxen Weihnachtsfest in Russland, dann im Elsass bei den französischen Freunden und in vier Wochen bei dem neuen US-Präsidenten, Bundesaußenminister Fischer am Potomac, Verteidigungsminister Scharping in Peking und Delhi, der Bundespräsident in Indonesien und im Wüstensand von Qatar, der Finanzminister ewig in Brüssel, Basel oder Tokyo, die Entwicklungsministerin unterwegs zwischen Kuba und Vietnam - die Reiseziele unserer Politiker lassen das Koordinatensys tem deutscher Außenpolitik zu Beginn des 21. Jahrhunderts erkennen.

Aber aus dem Krickelkrakel der Flugrouten, die unsere hochmögenden Vielflieger rund um den Globus führen, erschließen sich die Grundlinien unserer auswärtigen Politik nicht von selbst. Reiseziele verraten wenig über politische Ziele. Auch enthüllt die Gleichzeitigkeit des umtriebigen diplomatischen Tourismus keine eindeutigen Prioritäten.

Wo steht Deutschland im Weltgeschehen? Was soll seine Rolle sein? Wie bringt es die Last der Geschichte, die Hoffnungen und Ängste der Nachbarn, die Bürde seines nach der Wiedervereinigung vergrößerten Gewichts und die Herausforderungen der Zukunft auf einen Nenner?

Anders als im Kalten Kriege können wir uns heute nicht mehr in den bequemen Gewissheiten wiegen, auf die fünfzig Jahre lang fester Verlass war. Während des Ost-West-Konflikts schien alles zementiert und nichts möglich

heute ist alles möglich und nichts zementiert. Wir müssen uns, wie Johannes Gross das 1995 in seinem Buch Begründung der Normalität vorhergesagt hat, an die "Normalität der Instabilität" gewöhnen. Was aber heißt in solcher Lage schon Kontinuität?

Die erste Vokabel, die einem routinemäßig in den Sinn gerät, lautet: Friedenspolitik. Den Frieden zu wahren und notfalls zu verteidigen - das ist auch heute noch das oberste Ziel, doch das Ziel ist beweglich geworden.

Verteidigung des Friedens ist zehn Jahre nach dem Kalten Krieg nicht länger auf das Bundes- oder Bündnisgebiet beschränkt. Inzwischen sind wir auch bereit, den Frieden anderer zu verteidigen, also über das Nato-Gebiet hinauszugehen, wenn gewaltsame Unterdrückung, Verletzung der Menschenrechte oder terroristische Bedrohung Unfrieden stiften. Das heißt: Wir sind bereit, Kriege für den Frieden zu führen - nicht allein, doch im Verein mit anderen.