zeit: Wo und wie äußert sich dies?

Bredekamp: In Vorträgen von Technikern, Mikrobiologen oder Neurologen kommt man aus dem Staunen nicht heraus über den ästhetischen Wettstreit, in dem die Ergebnisse demonstriert werden. Es sind ja keinesfalls Nachbilder, sondern errechnete Konstruktionen, die aufgrund ihrer Farbenpracht und Präzision den Eindruck erwecken, realer zu sein als die Realität. Wer sich heute in der Welt orientieren will, kommt nicht um die Frage herum, was sie im Äußersten zusammenhält. Die Zeitschrift Nature hat einen Kunsthistoriker, Martin Kemp, gebeten, von 1997 an regelmäßige Kolumnen über das konfliktreiche Bündnis von Naturwissenschaft und Kunst zu verfassen. Diese bedeutende Zeitschrift hat keinen Platz zu verschwenden. Ihr schien aber geboten, die Sensibilität für die gegenwärtige Ästhetik der Molekül- und Genmodelle, der tomografischen Schnitte und der anatomischen Simulationen historisch zu schulen.

zeit: Verwischen Sie nicht auf sehr problematische Weise die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst? Sie inszenieren die Resultate der Forschung als ästhetisches Objekt und erwecken damit den Anschein, die Hervorbringungen der Wissenschaften seien sei so schön wie die Natur selbst.

Brüning: Nein, keineswegs. Die Wissenschaft drängt von sich aus zur Anschauung, und der Betrachter drängt zum Verstehen. Helmholtz hat das einmal so ausgedrückt: Es kommt bei der Einsicht in abstrakte wissenschaftliche Zusammenhänge nicht so sehr auf eine besondere Vorbildung an, sondern nur darauf, die Aufmerksamkeit durch geeignete Mittel passend zu lenken. Die "passende Lenkung" der Aufmerksamkeit ist aber im Kern eine ästhetische Aufgabe, die die Forschung begleitet. Die gerade von Horst Bredekamp erwähnten Visualisierungsalgorithmen sind ein schlagendes Beispiel für diesen Vorgang, der sich aber historisch dingfest machen lässt als Motor der wissenschaftlich-technischen Entwicklung

sein "Treibriemen" ist die zugleich abstrakteste und konkreteste Form der Wirklichkeitsbewältigung: die Mathematik. Im Übrigen geht es uns nicht um die Abbildung der Welt. Jeder Mensch trägt seinen Erkenntnisapparat bei sich, jeder Mensch will diese Welt verstehen. So sehr unterscheiden sich Künstler und Wissenschaftler deshalb nicht. Sie setzen sich grundsätzlich mit denselben Sachen auseinander, nur im letzten Teil ihres Weges benutzen sich unterschiedliche Methoden. Ein gelungenes Kunstwerk erklärt etwas, was einmalig ist, was noch nicht zu voller Begrifflichkeit vorgedrungen ist. Die Komplexität der Welt kann nicht allein wissenschaftlich gefasst werden, zumal die wissenschaftliche Methodik nur greift bei Prozessen oder Strukturen, die sich wiederholen.

zeit: Sie versuchen, das Prinzip der Kunstkammer wieder zu beleben. Mit der Kunstkammer, in der Gemälde neben Maschinen, Mineralien und Exotika ihren Platz fanden und die um 1600 in Prag ihren Höhepunkt hatte, beginnt das umfassende Sammeln. Sie macht auch bei Ihnen ein eigenes Kapitel aus.

Dennoch: Heute wird doch das Prinzip Kunstkammer der Komplexität der Forschung nicht mehr gerecht.