In Wittenberge gelang ihr Mitte April 1945 die zweite Flucht. Sie durchschwamm die Elbe. In Süddeutschland fand sie ihre beiden Brüder und ihren künftigen Mann, einen Sinti aus Pommern. Er hatte Frau und Kinder in Auschwitz verloren und Buchenwald mit einer faustgroßen Delle im Kopf überlebt. Sie gründeten eine Band, Philomena sang dazu, französische und amerikanische Soldaten feierten sie. Und ab und an selbst Generäle in den Offizierskasinos. Einer hieß de Gaulle, ein anderer Eisenhower.

Frau Franz brachte eine Tochter und vier Söhne zur Welt, als wollte sie ihre ganze Familie zurückholen. Ihr Mann starb früh. Über Jahre kämpfte sie allein mit der Rechtsnachfolgerin des Hitlerstaates, der jungen Bundesrepublik. Die zeigte sich in den Entschädigungsfragen schon zu Adenauers Tagen so schäbig wie heute noch immer ein Teil der deutschen Industrie. Philomena Franz war und ist und nennt sich stolz "eine Zigeunerin vom Stamme der Sinti". Sinti und Roma aber erkannte Deutschland als Völkermordopfer noch lange nicht an, obwohl eine halbe Million von ihnen in den Tod gehen musste. Doch gegen "Zigeuner", so entschied der Bundesgerichtshof noch Mitte der fünfziger Jahre, erfolgten die "Maßnahmen" ja nicht wegen der "Rasse als solcher", sondern aufgrund ihrer "asozialen Eigenschaften".

"Ich bin 'n Wahrzeichen durch euren Hitler"

Die unendliche Geschichte der verschleppten Zwangsarbeiterentschädigungen - das ist bis heute das Thema, bei dem Philomenas markante Gesichtszüge erstarren. "Man hat darauf gewartet, dass wir sterben", sagt sie. "Sechs Jahre habe ich in den Lagern für die Industrie arbeiten müssen. Sie hat sich an unseren Qualen gesundgestoßen - und jetzt sehen Sie sich bitte deren Armutszeugnis an."

"Haben Sie auch in den neuen Bundesländern vorgelesen?" "Ich bin zu Kohls Stiefkindern der Vereinigung gefahren. Nach Marzahn, wo die Nazis schon vor dem Krieg das große Zigeunerlager für Berlin und Umgebung errichteten. Nach Nordhausen, wo das Lager gleich vor der Tür lag. Da standen jetzt die Neonazis nach meiner Veranstaltung draußen um den Kiosk. Ich ging hin, bestellte einen Kaffee und bat um Feuer. Mit Erfolg. 'Danke', habe ich gesagt, 'hier gibt es wenigstens noch Kavaliere.' Sie lachten verlegen. 'Habt ihr irgendeine Jobchance?' - 'Null.' - 'Warum klappert ihr nicht die Institutionen ab, vom Arbeitsamt zu den Pfarrern?' - 'Ne, junge Frau, was soll'n das. Da hängen die Ausländer rum. Werden von A bis Z bedient. Wenn wir kommen, werden wir abgewimmelt.' - 'Ohne Arbeit geht's dir dreckig. Aber das gibt dir noch kein Recht, jemanden totzuprügeln.'"

Frau Franz zeigte ihnen den Unterarm mit der Häftlingsnummer. "Ich bin 'n Wahrzeichen durch euren Hitler. Darauf könnt ihr nicht stolz sein." Sie zog das Foto ihres Bruders in Wehrmachtsuniform aus der Tasche. "Unsere Sintis waren auch an der Front." Die jungen Männer starrten ungläubig. Die alte Dame lud sie zu einer Runde ein. "Und danke, dass ihr mein Auto nicht demoliert habt." Sie hoben die Hand zum Abschied. Es war nicht der Hitlergruß.