Es gibt normale Fernsehzuschauer, und es gibt Fans. Mit den normalen, Gelegenheitsguckern und Zappern, hat Ivar Combrinck kein Problem. Mit der Mehrheit der Fans auch nicht. Aber da ist noch eine dritte Gruppe von Zuschauern, eine, die ihn nervt: die Kenner. Ivar Combrinck ist Synchronregisseur der von ProSieben täglich um 19 Uhr ausgestrahlten Comicserie Die Simpsons. Und sein Job bringt einiges an Verantwortung mit sich. Denn Combrinck führt nicht nur Regie bei der deutschen Bearbeitung dieser umfassendsten Gesellschaftssatire, die das US-Fernsehen je hervorgebracht hat. Er übersetzt auch die Drehbücher.

Für viele handelt es sich bei den Simpsons einfach um eine unterhaltsame, bissige Zeichentrickreihe, in der am Beispiel einer amerikanischen Familie der unteren Mittelklasse seit nunmehr zwölf Jahren gezeigt wird, wie das Leben da so funktioniert, also schief geht: Vater Homer, ein liebenswerter Totalversager, arbeitet im örtlichen Atomkraftwerk. Mutter Marge ist der Musterfall einer verklemmten Hausfrau, Sohn Bart ein anarchistisches Früchtchen, Tochter Lisa eine verkannte Überfliegerin.

Für einige Zuschauer jedoch ist die Serie mehr, ihnen ist sie Kult. Und Kult fördert die Liebe zum Detail. Häufig missfällt ihnen, was sie hören. Im Internet wird in Newsgroups heftig das Für und Wider bestimmter Details der Simpsons-Übersetzung diskutiert. Am ausgiebigsten beschäftigen sich die so genannten B.A.R.T.-Files mit vermeintlichen oder tatsächlichen Schnitzern der deutschen Synchronisation. Die Abkürzung steht für Bugs And Rigged Translations, was so viel heißt wie "Fehler und manipulierte Übersetzungen". Der Name ist Programm, denn die Website wurde laut Vorwort des Seitenbetreibers Kai Rode "geschaffen, um interessierten Zuschauern zu erklären, welche Gags sie durch schlampige Synchronarbeit verpassen". Sorgfältig werden englische und deutsche Dialoge einander gegenübergestellt und bewertet:

"Original: Bart: I believe you. You seem so damn sure. Homer: Do you think you can stop the casual swearing? Bart: Hell yes!" Übersetzung: "Bart: Ich glaube dir. Du scheinst felsenfest davon überzeugt zu sein. Homer: Könntest du mit dem gelegentlichen Fluchen aufhören? Bart: Aber ja!" Kommentar: "Dass Bart mit ,Hell yes' und ,damn sure' schon wieder flucht, merken die Synchrodeppen nicht und versauen den Gag. Außerdem wissen wir nicht, wie Homer auf einmal aufs Fluchen kommt." Diplommathematiker Rode zeichnet die deutschen Simpsons-Folgen "nur noch der Vollständigkeit halber" auf. Spass hat er daran nicht mehr.

Ivar Combrinck findet das kleinkariert. Dabei ist er durchaus bereit, Fehler einzugestehen. Den Vorwurf der Schlamperei weist er allerdings zurück: "Ich bin kein Rohübersetzer. Es geht aber auch nicht um eine wortwörtliche Übersetzung, sondern um eine deutsche Adaption." Es sei kaum jemandem bewusst, wie viel bei der Synchronisation von technischen - auch den sprachtechnischen - Voraussetzungen abhänge: "Das Amerikanische arbeitet mit Partizipien; dazu kommt, dass es in der Originalfassung sehr viele einsilbige Wörter gibt, deren deutsche Entsprechungen doppelt oder dreimal so lang sind." Manchmal müsse er stauchen, manchmal etwas dazu basteln, damit es passe.

Für die Übersetzung braucht Combrinck, der die Hälfte des Jahres in den USA lebt, durchschnittlich einen Tag pro Folge. Von Fox, dem Heimatsender der Simpsons, werden ihm die amerikanischen Videobänder und das Originaldrehbuch zugesandt. Stück für Stück spricht er selbst vor dem heimischen Fernseher alle Rollen in seiner eigenen deutschen Version mit, bis sie ganz synchron ist. Erst dann schickt er der Aufnahmeleitung die übersetzten Bücher. "Wenn ich mal eine Anspielung nicht gleich verstehe, gehe ich zu meinen amerikanischen Nachbarn und lasse sie mir erklären", sagt Combrinck. "Viele amerikanische Jokes kann man einfach nicht wörtlich übersetzen, da fehlt den meisten deutschen Zuschauern die Hintergrundinformation." Wichtig sei, dass die Stimmung des Originals erhalten bleibe. So wird aus Homers Ausruf "Sweet merciful crap!" im Deutschen "Ach du großer, heiliger Strohsack!".

Besonders überraschte Combrinck die Schärfe der Kritik, die sich im Internet über ihn und das Münchner TaurusMedia-Synchronteam ergoss, als bei ProSieben im Paket mit der neuen Simpsons-Staffel Ende vergangenen Jahres Futurama anlief. Die Science-Fiction-Satire stammt aus der Feder des Simpsons-Erfinders Matt Groening; auch hier ist Ivar Combrinck verantwortlich für Regie und Übersetzung. Nach Ausstrahlung der ersten Futurama-Folge im September beanstandete man nicht nur, die deutschen Stimmen hätten nicht annähernd die Qualität der amerikanischen. Vor allem wurde die falsche Übertragung wissenschaftlicher Fachbegriffe getadelt. "Cryogenics", ein Gefrier-Konservierungsverfahren, sei zum Beispiel mit "Genetik" übersetzt worden. "Die Leute haben alles, aber auch wirklich jeden kleinen Witz versaut", beschwert sich ein Futurama-Kenner mit Namen padgem in dem ProSieben eigenen Futurama-Web-Forum und wünscht dem Sender "weiterhin sinkende Quoten".