Das Fanal zur Revolution war eine mit milder Stimme vorgetragene Rede.

Der britische Premier Tony Blair erklärte vor 70 nach Downing Street 10 geladenen Schuldirektoren, die Comprehensive School, die britische Version der Gesamtschule, sei am Ende. Nur eine kleine Minderheit der Schüler erziele gute Abschlüsse: "Der Anteil derer, die scheitern, ist zu hoch." Alastair Campbell, Blairs brüsker Pressesprecher, drückte sich weniger gediegen aus

er sprach schlicht vom "Gesamtschulsumpf".

Stattdessen hat die Regierung Blair für die pädagogische Postmoderne Folgendes geplant: Alle Schulen werden ungleich. Zwar wechselt nach wie vor jedes Kind nach sechs Grundschuljahren auf eine Sekundarschule. Doch schon in fünf Jahren soll sich die Hälfte aller Gesamtschulen auf eine Fachrichtung spezialisiert haben, etwa auf Sprachen, technische Fächer oder Handel und Gewerbe. Die andere Hälfte soll als Gesamtschule fortbestehen, jedoch differenzierte "Qualitätsschwerpunkte" entwickeln, zum Beispiel in Musik oder Kunst.

Blair scheut sich nicht, die Schwerpunkte als "Verkaufsanreize" im Wettbewerb um Schüler zu bezeichnen. Jede Schule solle ein "individuelles Ethos", eine "individuelle Berufung" anbieten, die in einem Schulmotto oder unverwechselbaren Schuluniformen ihren Ausdruck findet. 500 besonders geförderte "Leuchtfeuerschulen" sollen - das Projekt ist bereits angelaufen - zur Verbreitung bester pädagogischer Praktiken beitragen. Sie geben leistungsschwächeren Schulen Orientierungshilfen durch gemeinsame Seminare und Fortbildungstage, durch Beratung und Erfahrungsaustausch.

Hochleistungsschulen qualifizieren sich für extra Geldmittel. Und es ist geplant, die allerbesten Schüler in einer "Akademie" auf Spitzenleistung zu trimmen. Schlechte Schulen werden privatisiert oder von gemeinnützigen Organisationen übernommen, eine in Pilotschulen bereits erprobte Methode (ZEIT Nr. 32/99). Auch die Kirchen werden zunehmend wieder vor den pädagogischen Karren gespannt. Ihre Schulen stehen nach wie vor in gutem Ruf, sie erhalten beachtliche Zuschüsse für Schulneubauten.

Die sonst so diskursfreudigen britischen Medien waren fast sprachlos nach dieser Ankündigung. Das konnte doch nicht wahr sein! Labour und die Gesamtschule sind fast so etwas wie siamesische Zwillinge. Die Überzeugung, man könne durch gleiche Bildung für alle eine Gesellschaft gleicher Bürger schaffen, war über drei Jahrzehnte lang Parteidogma. Es datiert zurück ins Jahr 1965, als der damalige Erziehungsminister Tony Crossland ein Rundschreiben an die auf der Insel für Schulen zuständigen Lokalbehörden verschickte und sie aufforderte, ihm Pläne zur Zusammenführung des nominell dreigliedrigen, faktisch jedoch zweigliedrigen Systems - Gymnasien und Mittelschulen - in ein Gesamtschulsystem zu unterbreiten. Unter Parteifreunden gelobte er, "jedes einzelne Scheißgymnasium" zu schließen.