Einer der klügsten Schachzüge Hollywoods war und ist es, die anvisierte Zielgruppe gleich selbst auf die Leinwand zu verfrachten. Spätestens seit der Verbindung von Kino und Jugendkultur in den fünfziger Jahren wirkt dieses Erfolgsrezept, das nicht nur frühe Stars wie James Dean hervorgebracht hat, sondern auch für scheinbar grundlegendere Veränderungen sorgen kann. So hatte etwa der Aufstieg neuer schwarzer Helden wie Denzel Washington, Wesley Snipes, Samuel L. Jackson und Will Smith in den Neunzigern weniger mit dem Drang nach Gleichberechtigung zu tun als mit den Neubauten von Multiplexen in den afroamerikanisch dominierten Vierteln der Großstädte. Ökonomie statt Revolution: "Wir sind der Markt!"

Aus dem gleichen Grund kommen die unterschiedlichsten Hollywood-Genres seit ein paar Jahren nicht um die Highschool herum. Von Clueless und Scream über Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast, The Faculty und Zehn Dinge, die ich an dir hasse bis zu Wild Things, Urbane Legenden und Eine wie keine - das für den Erfolg einer Produktion entscheidende Teenagerpublikum muss hier stets im vertrauten Umfeld seinem besseren Selbst begegnen. Die Highschool-Coming-of-Age-Filme, die Komödien des Erwachsenwerdens sind dabei so etwas wie das Herzstück der Zielgruppen-Ausbeutung. Und wenn die Aschenputtel-Variation Eine wie keine den zeitgemäßen Prototyp des Teenager-finden-sich-und-ihre-Liebe-Prinzips stellt, dann ist Rushmore das vielleicht smarteste Gegenmodell, das sich denken lässt. Als solches wurde der Film dann auch prompt vom Großverleih Buena Vista fallen gelassen so mussten der junge Regisseur Wes Anderson und sein Koautor Owen Wilson zwei Jahre darauf warten, Rushmore in die deutschen Kinos zu bringen.

Alles beginnt damit, dass die Highschool hier kein austauschbarer Hintergrund der Geschichte ist, sondern gewissermaßen die Geschichte selbst. Die Eliteschule Rushmore bedeutet dem 15-jährigen Friseursohn und Stipendiaten Max Fischer alles. Er lebt Rushmore. Max (Jason Schwartzman) leitet den Rushmore-Debattierclub, die Bienenzüchterzirkel, die Schachgruppe, den Astronomie- und Kalligrafie-Club, steht unter anderem dem Völkerball-und Fechtverein vor und ist Herausgeber der Yankee Review. Als Leiter der Theatergruppe bringt er mit Vorliebe Kino-Actionthriller wie Serpico auf die Aula-Bühne. Die Erklärung des Direktors für Max' desaströse Noten, "Zu viele außerschulische Aktivitäten!", ist darum blanker Unsinn. Vielmehr ist gerade die Schule selbst der Grund für Max' Versagen. "Man muss etwas finden, was man liebt, und dann für den Rest seines Lebens daran festhalten", erklärt Max einmal den Sinn des Lebens: "Für mich ist das, Rushmore zu besuchen."

"Nehmt die reichen Jungs ins Visier und macht sie fertig!"

Auf ganz andere Weise ist Herman Blume (Bill Murray) mit der Lehranstalt verbunden. Der Vietnam-Veteran, Industrieunternehmer, Schulsponsor und entnervte Vater zweier unerträglicher Rushmore-Schüler fasst gleich in einer der ersten Szenen des Films dieses Verhältnis mit einer knappen Rede vor der Schülerschaft zusammen: "Ihr Jungs habt's wirklich leicht. Ich hatte es nie so leicht. Ihr seid reich geboren, und bleibt reich. Mein Rat: Nehmt die reichen Jungs ins Visier und macht sie fertig!" Max applaudiert als Einziger in der ratlosen Menge. Daraus entwickelt sich eine enge Freundschaft, die allerdings bald durch Liebe, Tragik, Eifersucht und Krieg überfordert wird.

Überforderung ist das Stichwort. Denn in einem Text über Rushmore dem Einfallsreichtum, dem hohen Tempo und den absurden Gags dieses Films folgen zu wollen käme dem Rennen zwischen Hase und Igel gleich. Ein permanentes "Ich bin schon da!" würde das Scheitern besiegeln - und selbst wenn es gelänge: Wie könnte dann gleichzeitig von der liebevollen Genauigkeit, mit der Rushmore seine Charaktere beobachtet, geschrieben werden? Vielleicht liegt das Geheimnis dieses Films schlicht darin, dass er einerseits die Freiheiten des Kinos bewusster auslebt als andere Highschool-Filme, andererseits aber sein Thema ernster nimmt, als es im Genre üblich ist. Die Suche nach Identität darf hier als offene Frage ihre Komplexität behalten, anstatt als temporäres Problem irritierter Teenager im "Rahmen" der Highschool nahtlos und beruhigend erledigt zu werden. Das führt schließlich auch zu einem anderen Blick auf das Verhältnis von Jugend und Erwachsensein, der einmal nicht auf das Hohelied der Jugendlichkeit hinausläuft.

Max nämlich verliebt sich in die Lehrerin und Jacques-Cousteau-Verehrerin Miss Cross (Olivia Williams) und überredet Herman Blume daraufhin, der Schule ein überdimensioniertes Aquarium zu schenken. Als Max dafür auch noch das örtliche Baseballfeld eigenmächtig opfern will, verweist ihn der verzweifelte Direktor der Schule. Damit nicht genug: Miss Cross und Blume kommen sich näher, Max zerstört mit einem Erpressungsversuch Blumes Ehe, und ein grotesker Kleinkrieg beginnt, in dessen Verlauf Miss Cross den Schuldienst quittiert und Max im kleinen Friseurladen seines Vaters (Seymour Cassell) zu arbeiten beginnt.