Krise befördert Vernunft, Chaos erzeugt Einsicht, Angst weckt Ideen. Die Rede ist von der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Die BSE-Krise befördert jäh die vernünftige Erkenntnis, dass alle Reform zu zaghaft war und die Abkehr vom Immer-mehr, Immer-billiger überfällig ist. Die Maul- und Klauenseuche zeugt mit dem Schrecken der Bilder auch die Einsicht, dass die Freiheit im Binnenmarkt nicht grenzenlos sein darf.

Und schließlich die Angst vor den steigenden Kosten des Weiter-so, aber auch der teuren EU-Erweiterung: Diese Angst weckt jetzt die Idee, die vielen kleinen und mittleren Bauernhöfe aus der produktionslastigen Marktpolitik der EU herauszunehmen und der Förderpolitik des ländlichen Raumes zuzuschlagen.

Anfang der Woche wurden aus der Brüsseler Behörde von Agrarkommissar Franz Fischler derartige Überlegungen bekannt.

Dies würde bedeuten, dass für die kleineren Bauern künftig vermehrt die Mitgliedsstaaten selbst aufkommen müssten. Denn nur die Marktpolitik wird ganz aus der EU-Kasse beglichen. Bei der Förderung des ländlichen Raumes hingegen teilen sich EU und Mitgliedsländer die Kosten zu gleichen Teilen (Kofinanzierung). Die Regierung Schröder hatte Ähnliches vor zwei Jahren vergeblich gefordert. Umso ärgerlicher, dass Ministerin Renate Künast noch immer nicht merkt, wie sehr Fischler ihr natürlicher Verbündeter sein könnte für den Umbau der Agrarpolitik.

Wer in Europa etwas verändern will, braucht Helfer. Stattdessen bastelt Künast neuerdings mit ihren Experten im Alleingang an einer Reform. Ganz spät entdeckten die Grünen, wie grün das Ressort Landwirtschaft eigentlich ist: Viel zu langsam lernt ihre Ministerin die Spielregeln und Tricks dieser Union kennen. Sie will mit dem Kopf durch die Wand.

Rund 43 Milliarden Euro, fast die Hälfte ihres Haushaltes, gibt die Gemeinschaft noch immer für Ackerbau und Viehzucht aus. Die Agrarreformen von 1992 und 1999 haben daran wenig geändert. Nur zehn Prozent der Summe sind bislang für die ländliche Entwicklung vorgesehen. Dem Bauern als Gärtner in Europas Landschaften gehört gleichwohl die Zukunft. Nicht nur wegen der Tierseuchen und dem Grausen der Verbraucher. Jeder zweite Bauer der Union ist bereits älter als 55 Jahre. In Deutschland werden darum in den nächsten Jahren mehr als 25 000 Höfe dichtmachen - einfach aus Mangel an Nachfolgern.

Wie soll die dadurch frei werdende Fläche eigentlich bestellt werden?