Sie wird allmählich lästig - die Rede vom Befreiungsschlag, wahllos angewandt, ob Klimmt nun zurück-, Möllemann nach- oder Merz danebentritt. Ob Kohls teure Unschuld, Schröders Agrarwende, Daums Pressekonferenz - es hagelt Schläge jener Art, ohne dass der emphatisch umschriebene Effekt: die Befreiung festgestellt werden könnte.

Die Rede vom Befreiungsschlag war von jeher eine irreführende Metapher. Der Begriff steht im Regelwerk des Eishockeys und bezeichnet einen unerlaubten Spielzug: einen weiten Schlag aus der eigenen Hälfte über das ganze Eis und über die Torauslinie des Gegners (Regel 618). Der Befreiungsschlag baut keinen Spielzug auf, sondern beseitigt eine unmittelbare Gefahr auf Kosten eines neuen Risikos: Das Spiel muss mit einem Bully vor dem eigenen Tor fortgesetzt werden. Soziologisch betrachtet, wird hier ein nichtkommunikatives Verhalten in einem auf Kombination angelegten Spiel sanktioniert.

Was im Sport regelwidrig ist, wird im öffentlichen Leben goutiert. Der Befreiungsschlag gilt dort als Ausweg aus einer als verfahren empfundenen Situation - als Ultima Ratio der Konfliktregulierung, deren Wirkungsskala vom innovatorischen Coup bis zum Ende mit Schrecken reicht. Doch seit der "Wandel der Lebensstile" einen Affenzahn draufhat, wie uns Ulrich Beck einbläut, ist die Floskel vom Befreiungsschlag zur Rechtfertigung einer Ex-und-hopp-Mentalität inflationiert. Der Befreiungsschläger unserer Tage ist kein Pionier, wie er von sich glaubt, sondern ein Hinschmeißer. Als unsteter Narziss und Affärenproduzent pflegt er unvollendete Projekte und verbrannte Erde zu hinterlassen.

Und hat nicht jenes Befreiungsgerede auch etwas verschmockt Altachtundsechzigerhaftes, nämlich die Anmaßung einer Avantgarde gegen die als Zwang empfundene Permanenz des Alltags? In der Freizeitideologie des Befreiungsschlags gehen gleichsam 68er-Pathos und neoliberales Hire-and-fire eine wilde Ehe ein. Ahnten wir nicht schon immer, dass das ewige Aufbegehren gegen jedwedes Establishment irgendwann in der gebetsmühlenartigen Bürokratieschelte Hans-Olaf Henkels enden würde?

Ein frustrierter Lehrer erzählte uns kürzlich, seine Jüngsten würden schon nach einer halben Stunde Ausflug im Grünen schlapp machen. Nicht weil sie unfit seien, sondern weil sie schlicht keine Lust mehr hätten. Keine Böcke auf Botanik. Herr Lehrer, bitte was Neues!

Der Lebenskunst-Philosoph Wilhelm Schmid weist darauf hin, dass die grassierende Weigerung, an Bindungen festzuhalten, in der Dynamik der Moderne begründet liege. Man könne nicht alle drei Jahre Beruf, Projekt und Mitarbeiter, Frau, Hund und Hof wechseln, ohne in Beziehungsarmut abzustürzen. Eine Gesellschaft von lauter Befreiungsschlägern wäre demnach keine innovatorische Assoziation, sondern eine Dissoziation von liegen gebliebenen Aufgaben, ein Eldorado des Opportunismus, in dem in letzter Konsequenz Meinungen nicht länger gelten als bis zum nächsten Tag.

Schon wird über Rot-Grün gespottet, mit dem Nur-noch-Pragmatismus hätte das Bündnis längst die eigene Tendenz zur Bindungslosigkeit überlebt. Aus Verdruss über den ungeschickten Partner soll sich der Kanzler gegenüber Liberalen und der PDS geöffnet haben, um zumindest mit der Möglichkeit eines - na, was wohl - Befreiungsschlages zu drohen.