Manche Ärzte haben eine seltsame Auffassung von der Schweigepflicht.

Werden ihnen Fehler oder Versäumnisse vorgeworfen, reagieren sie wie die berühmten drei Affen - nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Ein prominentes Beispiel für dieses Verhalten hat Roland Mertelsmann in den vergangenen Jahren gegeben. Der einstige Shootingstar der Krebsforscher, der 1994 als einer der Ersten hierzulande eine Gentherapie wagte, wird immer tiefer in den größten deutschen Wissenschaftsbetrug verwickelt. Aus dem 1997 bekannt gewordenen Skandal um das Forscher- und Fälscherpaar Friedhelm Herrmann und Marion Brach ist mittlerweile auch ein Fall Mertelsmann geworden. Eine im Juni 2000 vom Rektorat der Freiburger Universität eingesetzte Kommission unter Vorsitz des Strafrechtlers Albin Eser hat die Rolle und Verantwortung Mertelsmanns für die Manipulationen untersucht (ZEIT Nr. 28/ 2000). Jetzt legte sie ihren Abschlussbericht vor - und der fällt für Mertelsmann nicht gut aus.

Von den 347 Publikationen Friedhelm Herrmanns, die die "Task-Force" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im vergangenen Jahr begutachtete, waren insgesamt 94 als "konkret fälschungsverdächtig" oder "eindeutig fälschungsbehaftet" inkriminiert worden. Die gewundenen Formulierungen zeigen, wie schwer sich die Gutachter mit der Beurteilung taten. Auf immerhin 58 dieser Veröffentlichungen fand sich der Name Mertelsmann als Mitautor.

Damit ist der bekannt gewordene Anteil des Chefarztes an den dubiosen Publikationen seit 1997 nicht nur um mehr als das Doppelte gestiegen.

Zusätzlich gerieten auch Arbeiten in die Kritik, die Mertelsmann ohne seinen ehemaligen Meisterschüler Herrmann veröffentlicht hatte.

In zwei dieser Studien wurden besonders "gravierende Regelwidrigkeiten" festgestellt. Die eine erschien im September 1994 in der Zeitschrift Blood, die andere im August 1995 im New England Journal of Medicine. Bei den fragwürdigen Veröffentlichungen ging es um die Behandlung von Krebspatienten mit der - bis heute unter Experten umstrittenen - Hochdosis-Chemotherapie.

Die Eser-Kommission konnte zwar keine aktive Beteiligung Mertelsmanns oder anderer "derzeit an der Universität Freiburg tätigen Wissenschaftler" an den Fälschungen feststellen. Sie attestierte dem Krebsmediziner allerdings "fehlende Glaubwürdigkeit", "schwere Versäumnisse", "Leichtfertigkeit" und eine "grob fahrlässige Verletzung von Regeln guter wissenschaftlicher Praxis". Planung, Durchführung und Dokumentation der Behandlungsversuche waren unvollständig und regelwidrig. Die Nachbeobachtung erfolgte über einen zu kurzen Zeitraum.