Paris - Die Einladung versprach einen einigermaßen lustigen Politabend: Mardi gras, mardi gai - auf Deutsch: Fastnacht, der fröhliche Schwulendienstag. Für das Podium zum Thema "Eurosexualität" war ein Stargast mit bekannt schneller Zunge eingeplant. Allein der höchst erfolgreiche Spitzenkandidat der französischen Grünen bei der Europawahl 1999, Daniel Cohn-Bendit, hatte den Termin bei seinen Pariser Parteifreunden in letzter Minute abgesagt.

Kleinlaut und bleich war Cohn-Bendit kurz zuvor in den Abendnachrichten des quotenstarken TF1 aufgetreten: Der "rote Dany", wie er seit dem Mai 1968 in Frankreich genannt wird, kauerte vor der Kamera, innerlich in die Ecke gedrängt von seinem eigenen Geschwafel über frühkindliche Sexualität und Fummelei im antiautoritären Kinderladen. Der Moderator stellte Fragen über eine zweifelhafte Passage aus einem längst vergessenen Buch von 1975: "Es ist mir mehrmals passiert, dass Kinder meinen Hosenladen geöffnet und mich gestreichelt haben ... ihr Wunsch stellte mich vor Probleme ... wenn sie darauf bestanden haben, habe ich sie trotzdem berührt." Und als Zugabe zeigte TF1 einen Fernsehauftritt von 1982, bei dem Cohn-Bendit live noch einmal Ähnliches zum Besten gegeben hatte.

Nun ist er, dem sonst doch nichts die Sprache verschlägt, vor aller Augen bis ins Mark erschrocken. Wer plötzlich derart in Gefahr ist, sein Image als europapolitischer Hoffnungsträger der französischen Linken gegen den Ruf eines perversen Lustmolchs einzutauschen - der kann es sich nicht leisten, wenig später bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Eurosex" herumzukaspern.

Inzwischen hat Daniel Cohn-Bendit lang und breit erklärt, diese Passage aus seinem Buch sei der reinste Blödsinn gewesen. Nichts als verantwortungsloses Gelaber, mit dem er damals die Spießer ärgern wollte. Nie habe er sich an Kindern vergriffen. Sein Verleger verbürgte sich für ihn. Kinder von damals verfassten Entlastungsbriefe. "Lieber Dany, weißt Du noch?", schreibt eine gewisse Martine und schildert, wie er ihre kindlichen Avancen zurückgewiesen hat. Der Literaturentertainer Bernard Pivot, ein Liebling der Nation, nahm Cohn-Bendit öffentlich in Schutz: In seiner Fernsehsendung sei das Buch damals lebhaft diskutiert worden, ohne dass sich irgendjemand an der inkriminierten Passage gestört habe.

Ein Satz wurde immer wieder zu Cohn-Bendits Verteidigung ins Feld geführt: Man müsse die siebziger Jahre miterlebt haben, um zu verstehen, dass solche Worte im allgemeinen Verbalexzess unbemerkt untergehen konnten. Ein beliebtes Selbstentlastungsargument, das in Deutschland nach der Debatte über Cohn-Bendits Freund und Frankfurter Wohngemeinschaftsgenossen Joschka Fischer noch ganz frisch in den Ohren klingt.

Sorj Chalandon, leitender Politikredakteur der linken Tageszeitung Liberation, hat es klugerweise nicht vorgetragen, sondern den Fall Cohn-Bendits mit atemberaubenden Zitaten und Beispielen von damals aus dem eigenen Blatt illustriert. Eine Fünfjährige macht mit beim Liebesspiel zwischen der Mutter und ihrem neuen Partner? Prima, denn der schaut "ganz zärtlich mit dunklen Hirtenaugen", wenn er davon erzählt. "Unser Denken war fiebrig und völlig konfus", sagt Chalandon. Der Toleranz waren keine Grenzen gesetzt, auch wenn man selber eigentlich ein recht herkömmliches Leben führte. Das "pädophile Abenteuer", wie manche es glorifizierend nannten, sei Teil eines allumfassenden Aufstands gegen die autoritären Moralvorstellungen jener Zeit, "l'ordre moral", gewesen.