Der Auktionshandel bietet in den spannendsten Fällen immer auch Detektivgeschichten. Und gelegentlich beginnt sich bei den Nachforschungen für ein Objekt eine ganze Epoche aufzufächern - so wie bei der Parure, einem Geschmeide mit Diadem, Halskette, Ohrringen und Korsagenschmuck aus Diamanten und grünem Peridot von 1840, das im Juni bei Sotheby's in London für 120 000 bis 150 000 Pfund unter den Hammer kommen soll.

Von den Erben der kürzlich verstorbenen Gräfin Maria Electa von Coudenhove Kalergi waren dem Auktionshaus die Juwelen angeboten worden. Eingewickelt in Geschirrhandtücher und Küchenkrepp, hatten sie seit den fünfziger Jahren in einer unscheinbaren Schachtel im Safe einer Bank in Los Angeles gelegen. Die Besitzerin hatte den Prachtschmuck niemals getragen. Sie lebte sehr bescheiden, und in ihrer Umgebung wusste kaum jemand, dass "Marina" von böhmischem Adel war. Umso größer fiel die Überraschung aus, als das Geschmeide ans Tageslicht kam - nur äußerst selten findet sich ein solcher Schmuck noch so vollständig.

Wann die guten Stücke eigentlich entstanden waren und wer sie in Auftrag gegeben hatte, war indes unklar. Der einzige Hinweis: ein paar herausgerissene Seiten aus einem Versteigerungskatalog des Dorotheums in Wien aus dem Jahr 1937. Doch das reichte dem Adelsexperten und Deutschland-Präsidenten von Sotheby's, Heinrich Graf von Spreti, die Fährte in Österreich aufzunehmen.

Der passionierte Kenner aristokratischer Häuser und ihrer komplizierten Verbindungslinien hatte auch bei den Versteigerungen der Häuser Thurn und Taxis beziehungsweise Baden großen Spürsinn bewiesen. Das Versteigerungsdatum und der Ort brachten ihn auf die Spur des ein Jahr zuvor verstorbenen Erzherzogs Friedrich von Sachsen Teschen. Dieser war durch Erbschaft zu dem immensen Vermögen seines Urgroßonkels Herzog Albert von Sachsen Teschen gelangt, eines der reichsten Männer seiner Zeit und des Gründers der Gemäldegalerie Albertinum in Wien. So lag es durchaus im Rahmen des Möglichen, dass er das Geschmeide hatte anfertigen lassen - für seine Frau, das Lieblingskind von Kaiserin Maria Theresia. Diese hatte ihre Tochter Marie Christine so sehr geliebt, dass sie zwar der Heirat mit dem Sachsen zustimmte, ihr aber per Ehevertrag verbot, jemals österreichisches Hoheitsgebiet zu verlassen.

Was Spreti aber immer noch fehlte, war ein Beweis seiner Theorie. Beim Studium der illustren Stammbäume und beim Stöbern in Folianten fand sich auch dieser. Auf einem Foto anlässlich der Krönung von Kaiser Karl I. von Österreich zum König von Ungarn am 30. Dezember 1916 sieht man dessen Gattin Isabella in vollem Schmuck. Die farbige Aufnahme ließ eine einwandfreie Identifizierung der Juwelen mit den grünen Halbedelsteinen zu. Galten früher hauptsächlich Diamanten, Saphire, Smaragde und Rubine als besonders wertvoll, gilt inzwischen auch den Halbedelsteinen eine größere Aufmerksamkeit, wenn sie besonders schön geschliffen sind.

Warum das Geschmeide - Vergleichbares besitzt nicht einmal die Wiener Schatzkammer - 1937 dann im Dorotheum zur Auktion gegeben wurde, ist nicht geklärt. Bei Sotheby's vermutet man, dass Friedrich, Herzog von Sachsen Teschen, es selbst zum Verkauf freigegeben haben könnte. Sicher aber ist, dass der böhmische Graf Coudenhouve-Kalergi von Rospergheim es in den schlechten Zeiten sehr preiswert erworben haben muss. Später gelangte es dann in den Besitz seiner in die USA ausgewanderten Tochter Gräfin Maria Electa von Coudenhove Kalergie, die es dann in den Safe legte und deren Erben die Parure nun veräußern wollen.

Ein besonders hohes Auktionsergebnis ist ihnen dabei sicher. Denn das Zusammenspiel von Zufällen, Historie und Anekdote, dazu die hochherrschaftliche Provinienz, der Glanz der Steine und die Besonderheit ihrer Fassung, die dem Wiener Hofjuwelier Köchert zugeschrieben wird, weckt nicht nur den detektivischen Jagdinstinkt der Experten. Auch für interessierte Käufer und für die Öffentlichkeit sind solche verschlungenen Geschichten verlockend - und deshalb für die Auktionshäuser über den bloßen Verkaufsgewinn hinaus zusätzlich gewinnbringend. Ganz gezielt begeben sich daher die Spezialisten auf die Suche nach solchen Werken. Und zunehmend machen ihnen dabei auch Anwälte Konkurrenz, die verschollene Kunstgegenstände wieder ans Licht bringen wollen.