Kein Wort ist hart genug, um zu geißeln, was derzeit in Afghanistan geschieht. Die ungebildeten, blindwütigen, rohen Taliban zerstören Zeugnisse der Weltkultur und laden auf ewig Schande auf sich, indem sie über tausendjährige Bilder, Zeugnisse einer hohen fremden Kultur, vernichten.

Unserem globalisierten Denken wird das Äußerste abverlangt, wenn es solche barbarischen Akte verstehen will.

Die Vorgänge in Afghanistan entspringen nicht einem irrationalen Affekt, sondern sind gouvernemental verfügt

sie sind nicht willkürliche und spontane, sondern theoriegeleitete Handlungen, Ausfluss einer religiösen, islamischen Spritualität. Obwohl im Koran nicht ausdrücklich verfügt, galt doch etwa seit dem 9. Jahrhundert im Islam ein immer strikteres Bilderverbot, das selbst umlaufende Münzen betraf. Denn die Nachahmung schon eines gewöhnlichen Lebewesens tritt der Schöpferkraft Allahs zu nahe, da diese Zeichen des Einen unsichtbaren, unnachahmlichen, ortlosen Schöpfers sind.

Vor Gottes Allmacht und vor seiner Unendlichkeit ist jedes nachgeschnitzte Bildwerk ein Götzenbild: "Die Engel betreten kein Haus, in dem ein Hund oder Bilder sind." Schon der Gedanke an einen verbildlichten Gott beleidigt dessen Wesen, das ein reines Geistwesen ist, welches durch sinnliche, endliche verdiesseitigende Anschauung nicht verunreinigt werden darf. Ganze Weltreligionen und ganze Weltkulturen sind unter diesen Prämissen jahrtausendelang mehr oder weniger ohne Bilder ausgekommen. Ist es von vornherein ausgemacht, dass sie deshalb verrohte, schlechte, unkultivierte Menschen im Gefolge haben?

Wenn nun aber der eifernde Mullah Mohammed Omar, der den fundamentalistischen Taliban die Vernichtungsaktion befohlen hat, zu Wort käme, würde er vielleicht die empörten Abendländer daran erinnern, dass der Affekt gegen die Bilder gerade den europäischen Hochkulturen von Anfang an eingelagert war. Er könnte darauf hinweisen, dass in Bern gerade eine große Ausstellung stattgefunden hat, welche die verheerenden Auswirkungen der Bilderstürme der Reformation aufzeigte. Als die seit urchristlichen Zeiten immer virulent gebliebenen ikonoklastischen Energien in Mitteleuropa, in Deutschland, in den Niederlanden und in England eine künstlerische Tabula rasa geschaffen haben: Auch dies geschah nicht durch einen blinden Pöbel, sondern war zumeist von den Regierenden angeordnet, die mit klarem bildtheoretischem Verstand dem zweiten Gebot des Dekalogs Folge leisteten.

Zwingli fand die geweißten Wände und die Helligkeit der ausgeräumten Kirchen schön. Auch Calvin wollte bildlose Kirchen haben, denn Gottes Wesen sei rein spirituell und werde durch Bilder in eine materielle, idolhafte Endlichkeit gebannt. Wiedertäufer konnten sogar die biblischen Texte für einschränkende sinnliche Zeichen halten.