Angenommen, der Staat würde jedem Bundesbürger über 18 Jahren monatlich ein Grundeinkommen überweisen - egal ob Angestellter, Selbstständiger, Arbeitsloser, Student oder Rentner. Steuerfinanzierte Sozialleistungen wie die Sozialhilfe würden dafür gestrichen. Verwaltungen und Ämter, die bisher damit beschäftigt waren, zu prüfen, wer Anrecht auf welche Leistungen hat, würden eingespart. Stattdessen erhielten alle Personen ohne Einkommen jeden Monat 1200 Mark steuerfrei. Personen mit Einkommen erhielten dieselbe Summe, müssten sie aber ganz normal versteuern.

Der amerikanische Ökonom Milton Friedman prägte für dieses Konzept eines allgemeinen Grundeinkommens den Begriff der negativen Einkommensteuer. In seinem Klassiker Capitalism and Freedom schrieb er 1962: "Wenn das Ziel der Abbau der Armut ist, benötigen wir ein Programm mit dem Zweck, die Armen zu unterstützen. Die Maßnahme, die sich aus rein technischen Gründen anbietet, ist eine negative Einkommensteuer." Der Betrag von 1200 Mark ist dabei frei erfunden. "Die genaue Höhe", so Friedman, "hinge davon ab, was die öffentliche Hand aufbringen kann."

Die Idee des Monetaristen Friedman fand viele Anhänger, unter ihnen auch marktkritische Keynesianer, die sonst wenig mit dem Gedankengut des radikalliberalen Ökonomen gemein haben. Der Nobelpreisträger James Tobin etwa erwärmte sich schon 1966 dafür. Später folgten Sozialbewegungen, Arbeitsloseninitiativen und politische Parteien, die das Konzept modifizierten. Zwar existiert die Negativsteuer in Reinform bis heute in keinem Land. Dennoch ist das Thema aktuell. Frankreich will jetzt Geringverdienern - die zwischen einem Drittel und dem 1,4fachen des staatlichen Mindestlohns oder umgerechnet bis zu 28 600 Mark verdienen - von September an eine "Beschäftigungsprämie" gewähren.

Diese soll Arbeitslosen den Anreiz bieten, einen gering bezahlten Job anzunehmen. Denn wie auch in Deutschland lohnt es sich für Arbeitslose in Frankreich kaum, für niedrige Löhne zu arbeiten. Schon bei einem geringen Arbeitseinkommen werden ihnen die Sozialleistungen gekürzt. Arbeit erhöht ihr verfügbares Einkommen also kaum

anstatt sich eine Stelle zu suchen, bleiben sie deshalb lieber zu Hause. Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen das als Armutsfalle.

Die französische Beschäftigungsprämie soll zunächst maximal 2,2 Prozent des Einkommens betragen, ab 2003 bis zu 6,6 Prozent. Dabei gilt: Je höher das Einkommen, desto geringer die Prämie. Mithilfe dieser Regression werden negative Anreize verhindert: Ein Arbeitnehmer mit Einkommen knapp über der Bemessungsgrenze von umgerechnet 28 600 Mark soll unter dem Strich nicht weniger beziehen als derjenige, der knapp darunter liegt und somit noch anspruchsberechtigt ist. Das Ergebnis: Alleinstehende können zusätzlich zum Lohn bis zu 2800 Mark im Jahr vom Staat bekommen.

Tatsächlich ist die Beschäftigungsprämie eine Mischung aus Negativsteuer und Lohnsubvention. Auch mit der Beschäftigungsprämie will Frankreich am Mindestlohn festhalten. Das soll verhindern, dass die Arbeitgeber niedrige Löhne weiter senken - und darauf bauen, dass sich aufgrund der Prämie dennoch genug Interessenten für die entsprechenden Jobs finden.