Je ferner die Zukunft, desto rosiger lassen sich die öffentlichen Finanzen ausmalen. Bisher waren alle Bundesfinanzminister Meister im Schönschreiben der mittelfristigen Finanzplanung. In der Realität wurden die in Zahlen fixierten Versprechen von Schuldenabbau und solidem Sparkurs dann meistens Makulatur. Ereilt Hans Eichels ehrgeizige Haushaltspläne jetzt das gleiche Schicksal?

Der Druck auf den sozialdemokratischen Finanzminister steigt. So kommen in diesem und in den nächsten Jahren nicht eingeplante Belastungen in Milliardenhöhe auf den Bundeshaushalt zu oder drohen zumindest als Risiken.

Dazu zählen die Kosten des Kampfes gegen BSE. Die Erhöhung des Kindergeldes um mindestens 30 Mark steht noch nicht im Finanzplan

die Förderung der privaten Altersvorsorge wird teuer, ebenso der Zuschuss zum Pensionsfonds von Post und Telekom. Im Verteidigungshaushalt tut sich eine Lücke auf. Zu allem Überfluss kriselt die Weltwirtschaft. Wenn die deutsche Konjunktur schwächelt, fallen die Steuereinnahmen geringer aus als veranschlagt.

Eichels Sparkurs ist in Gefahr. Unter den Sozialdemokraten wächst der Wunsch, dem Finanzminister die Gefolgschaft zu verweigern. Eine Haltung mit Konfliktgarantie: Bisher war Eichel nach dem Kanzler der mächtigste Mann in der Regierung.

Doch die Bundestagswahl rückt näher! Im Wahlkampf will eine Reihe Abgeordneter lieber mit neuen Wohltaten Stimmen sammeln und dadurch die eigene Wiederwahl sichern, als sich der Kritik an Kürzungen erwehren zu müssen. Kein Wunder, dass sich in der SPD-Fraktion sehr schnell eine Mehrheit gefunden hat, die künftig Familien durch eine steuerliche Förderung der Kinderbetreuung zusätzlich unterstützen will - eine zwar sinnvolle, aber teure Maßnahme.

Grundsätzlich ist Sparen populär und findet im Wahlvolk Unterstützung. Anders wäre das hohe Ansehen Eichels in der Bevölkerung, das sich immer wieder in Meinungsumfragen zeigt, nicht zu erklären. Aber ebenso klar ist, dass jede Sparmaßnahme bei den Betroffenen Missmut hervorruft. In diesem Spannungsfeld scheinen sich nach zwei mageren Jahren immer mehr Koalitionsparlamentarier, vor allem in der SPD, auf die Seite der Widerspenstigen schlagen zu wollen.