In den vergangenen Jahren haben die Briten eine wuchernde, geradezu deutsch anmutende Debatte über die eigene Identität erlebt. Was ist Britannien? Wann war Britannien? Gibt es Britannien überhaupt noch? Wird es überdauern? Britische Autoren erklären es für "tot" oder "abgeschafft". Lange galt Britannien als klassischer Nationalstaat - jetzt erzählen uns die Historiker, dass es nie einer war.

Für manche ist Britannien nur mit mehr Europa zu retten für andere nur mit weniger. Für alle aber ist diese Frage zentral. Aber was bedeutet es überhaupt, ein europäisches Land zu sein? Ist das Substantiv "Britannien" schon schwer fassbar, so ist es das Adjektiv "europäisch" erst recht.

Wir können im Englischen mindestens sechs Bedeutungen von "europäisch" unterscheiden. Zwei sind archaisch und begraben, hallen aber nach: europäisch sein heißt christlich sein, und europäisch sein heißt weiß sein. Es folgen drei ineinander greifende Bedeutungen, die uns vertrauter sind. Die erste ist geografisch: Europa ist der zweitkleinste Kontinent, das westliche Anhängsel Eurasiens. Gehören wir dazu? Ja, sagen die Geografen. Viele Briten sehen das anders, denn die zweite dieser drei ineinander greifenden Bedeutungen lautet, wie das Lexikon sagt, "der Kontinent Europa mit Ausnahme der Britischen Inseln". Das ist gebräuchlich. Wir sagen: "Jim ist nach Europa gefahren", oder: "Fred ist aus Europa zurückgekommen." Europa ist anderswo. Drittens bedeutet Europa die EU.

Im britischen Sprachgebrauch werden diese drei Bedeutungen heute meist miteinander verschmolzen, in der politischen Debatte überwiegt die dritte. In diesem Sinn verengt sich unsere Frage auf die folgende: "Beteiligt sich Britannien in vollem Umfang an der EU? Unterstützt es, was die Menschen auf dem europäischen Festland als europäisches Projekt betrachten?"

Doch es gibt noch einen sechsten, höheren, geheimnisvolleren Sinn des Wortes "europäisch". Dieser schien jüngst auf, als ein Gremium dreier "Weiser" nach langer Überlegung zu dem Schluss kam, Österreich sei "europäisch". So formuliert, klingt das lächerlich. Was sollte Österreich sonst sein?

Afrikanisch? Trotzdem wissen wir, was gemeint ist. Die Weisen maßen Österreich an einem Katalog "europäischer Standards", also an einer normativen, idealistischen Version Europas - L'Europe européenne, wie Gonzague de Reynold sie nannte.

Ist Britannien in diesem Sinn europäisch? Ich möchte die Frage banaler, empirischer - vielleicht britischer - stellen: Unterscheidet sich Britannien mehr von den Ländern des europäischen Kontinents als diese sich untereinander? Gleicht Britannien mehr anderen Ländern - den USA, Kanada oder Australien - als kontinentaleuropäischen?