Nichts als Schreckensmeldungen! In den USA fallen die Konjunkturprognosen von Woche zu Woche ungünstiger aus. Jetzt nimmt selbst der amerikanische Zentralbankchef Alan Greenspan das "furchterregende R-Wort"(Economist) in den Mund: Rezession. Die droht auch Japan und in ihrem Gefolge ein Finanzcrash, der ganz Südostasien destabilisieren würde. In Lateinamerika ist Argentinien gerade an einer Zahlungskrise vorbeigeschrammt. Und auch die Nachricht von der Währungskrise in der Türkei schürt die Angst vor Ansteckung. Da fragen sich viele: Kann in einem solchen Umfeld die deutsche Wirtschaft unbeschadet davonkommen?

Der Stimmungswandel könnte brutaler nicht sein. Noch vor ein paar Monaten war der Glaube an die nie versiegenden Erneuerungskräfte der New Economy so unerschütterlich, dass amerikanische Wirtschaftsgurus eine ewige Schönwetterperiode witterten und allen Ernstes das Ende der Konjunkturzyklen diskutierten. Der Index der Technologieunternehmen kletterte bis auf 5132 Punkte, und nach oben schien es keine Grenze zu geben. Doch Anfang dieser Woche stand der Nasdaq gerade noch bei 2137 Punkten. "Keine Abfederung, keine Bodenbildung scheint es zu geben", notiert Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank. Die Branche der geradezu vergötterten IT-Gründer erlebt einen Crash nach dem andern. Der Glaube an den nachhaltigen Aufschwung ist immer hektischeren Abschwungsprognosen gewichen, die Glückspropheten von gestern versuchen sich jetzt als Künder des Untergangs.

Eines haben sie mit ihren erratischen Voraussagen erreicht: In den Vereinigten Staaten ist das Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung dahin. Der Index für das Geschäftsklima in der amerikanischen Industrie rutschte auf das Niveau von 1991, dem Ende der letzten Rezession. Der Kursverfall auf den Finanzmärkten zwingt viele Verbraucher zu Einschränkungen, zumal sie sich oft beim Kauf von Wertpapieren verschuldet haben und nun ihre Verluste begleichen müssen. Vor Jahresfrist wuchs Amerikas Wirtschaft noch mit einer Rate von fünf Prozent, im vierten Quartal 2000 waren es noch 1,4 Prozent. Um von einer Rezession zu sprechen, müsste die Wirtschaft zwei Quartale hintereinander schrumpfen - und noch beantwortet Greenspan die entsprechende Frage standhaft mit "No". Aber das tat er auch im Herbst 1990, als die bisher letzte Rezession über Amerika hereinbrach.

Nun heißt die spannende Frage: Wie stark hängt Euroland und damit Deutschland von der Entwicklung in den Vereinigten Staaten ab? Mit fast ungläubigem Staunen beobachten die Fachleute, dass die Vorstellung nicht mehr stimmt, ein Husten jenseits des Atlantik löse in Europa gleich mindestens eine heftige Grippewelle aus. Wim Duisenberg, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), verkündete Anfang der Woche vor dem Europäischen Parlament: "Gegenwärtig gibt es keine seriösen Hinweise darauf, dass der Abschwung in der US-Wirtschaft nennenswerte und dauerhafte Auswirkungen auf die Wirtschaft der Euro-Zone hat." In der Tat wächst Europas Wirtschaft immer noch mit einer Jahresrate von etwa 2,5 Prozent.

"Europa emanzipiert sich", stellt Walter Metzler von der Schweizer Bank Credit Suisse fest. Und dafür gibt es eine ganze Reihe Gründe. So haben die Europäer im richtigen Moment auf Steuersenkungen gesetzt, das wirkt jetzt stimulierend auf die Binnennachfrage. Rückschläge an der Börse bremsen die Konsumlust in Europa weniger als bei den unzähligen amerikanischen Anlegern.

Und ungebrochen sorgt der vorteilhafte Euro-Kurs für solide Überschüsse im Außenhandel.

EZB-Chef Duisenberg geht so weit, Euroland drei aufeinander folgende Jahre mit "robustem Wachstum" vorauszusagen. Und er steht mit seiner Zuversicht nicht allein. Der Internationale Währungsfonds (IWF) verheißt ein Wachstum von drei Prozent auch dann, wenn die Landung in den USA ziemlich hart ausfällt und (so die IWF-Prognose) das Wachstum für 2001 nur noch 1,7 Prozent beträgt. Selbst ein Nullwachstum in den USA, so das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, könnte die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Euro-Raum "nur um etwa 0,4 Prozentpunkte drücken". Sogar für die deutsche Wirtschaft, die in Euroland nicht gerade als Kraftprotz dasteht, kann Ulrich Hombrecher von der WestLB keine amerikanische Gefahr erkennen: "Der Konjunktureinbruch in den USA und die daraus resultierende Abschwächung der Weltkonjunktur haben sich in Deutschland bisher noch nicht fühlbar niedergeschlagen."