Die Meldung schlug ein wie eine Granate: Der Bundeskanzler will sich an der amerikanischen Raketenabwehr mit deutscher Technik beteiligen. Ist es möglich - Gerhard Schröder, ein Genosse der Geschosse?

Im Vorjahr noch hieß es unisono aus Berlin: Raketenschirm, nein danke.

Inzwischen, da die neue Regierung in Washington allseits verkündet, die Raketenabwehr sei nicht mehr eine Frage des "Ob", sondern nur noch des "Wann und Wie", gehen die Stimmen wild durcheinander. Bundeskanzler Schröder in München: Bloß nicht die internationalen Rüstungskontrollabkommen antasten - dazu gehört der amerikanisch-russische ABM-Vertrag, der nur ein eng begrenztes strategisches Abwehrsystemen erlaubt. Verteidigungsminister Scharping in Moskau, Peking und Neu-Delhi: Die Technik funktioniert nicht, unbezahlbar ist sie ohnehin. Außenminister Fischer in Moskau: Amerikas Entscheidung geht Europa nichts an. Und nun, kurz vor vor Scharpings Washington-Reise, auf gut Schrödersch: Deutschland darf industriepolitisch nicht "außen vor bleiben"! Kollege Rumsfeld wird's mit Interesse vernommen haben.

Wir sind im Prinzip dagegen, aber wenn's konkret wird, auch dafür - steuert da die Berliner Regierung auf Kollisionskurs mit sich selbst? Wie sollen wir eine Linie halten, fragen diplomatische Navigatoren zurück, wenn die Amerikaner selbst nicht wissen, was sie wollen? Aber, keine Sorge, heißt es dann, es ist ja noch Zeit.

Das könnte gleich doppelt falsch sein. Bereits bis zum Sommer, so ist zu hören, fällt in Washington die Richtungsentscheidung in Sachen Raketenabwehr.

Deren Optionen aber sind schon jetzt klar, - und sie stellen Europa vor heikle Entscheidungen. Solange es nur um die Verteidigung Amerikas ging (National Missile Defense/NMD), hatten es hiesige Kritiker leicht: Euer Schutz ist unser Schaden - denn den politischen Klimasturz spüren wir mehr als ihr, und schlimmstenfalls dienen wir gar Euren Feinden als Ersatzzielscheibe. Der Vorschlag eines erweiterten Schildes (Allied Missile Defense/AMD) indes, von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Anfang Februar in München verkündet, zwingt die Europäer zu einer völlig neuen Kosten-Nutzen-Abwägung: NMD gegen AMD.

National Missile Defense: Dass immer mehr Staaten sich Massenvernichtungswaffen beschaffen, dass ferner einige davon imstande wären, sie auf Raketen zu schrauben und Richtung USA zu feuern - das wird in Europa kaum mehr bestritten. Dass Können zwangsläufig Wollen heißt, und dass dagegen einzig militärische Gegenwehr hilft, gilt auf dieser Seite des Atlantiks schon eher als fragwürdig. Aber wenn die US-Regierung sich darauf versteift, es sei ihr eine "moralische Pflicht", ihre Bürger mit demokratischen Raketen vor Schurkenraketen zu schützen - wer könnte sie davon abhalten? Ein paar Fragen könnten die Europäer trotzdem stellen: