An dem Morgen, an dem Erich Müller den Blaumann überstreifte, überschritt er eine unsichtbare Grenze. Noch einmal, kurz vor dem Ende seines langen Arbeitslebens. Normalerweise arbeitet der 63-Jährige als Planer in den Mannheimer John-Deere-Werken. Er organisiert Material und Arbeit für die Kollegen, die am Band die John-Deere-Traktoren zusammenbauen. Doch an jenem Morgen stand er selber dort. Der Grund: die Weiterbildung "Gruppenarbeit Montage". Innerhalb von 15 Tagen montierte er mit fünf Kollegen, zusammengewürfelt aus verschiedenen Abteilungen, einen Traktor - bis zum letzten Handgriff mit dem Schraubenschlüssel. Eineinhalb Jahre ist das jetzt her.

"Wir alle hatten das gemeinsame Ziel, einen Schlepper mit null Fehlern zu bauen. Und daran haben wir fieberhaft gearbeitet", erinnert sich Erich Müller. Mit Erfolg: Am Ende der Schulung fuhr die ganze Gruppe gemeinsam nach Holland, um den fehlerfreien Schlepper beim Kunden abzuliefern. Und Erich Müller lässt noch immer keine Gelegenheit aus, dazuzulernen: "Diese Woche bin ich wieder einen Tag auf Computerschulung. Ich will und soll hier schließlich Leistung bringen."

Wer weiterarbeiten wollte, musste sich erst einmal weiterbilden

Die Mitarbeiter in einer Gruppenarbeit fortzubilden, diese Idee entstand bei dem Traktorenhersteller vor mehr als sechs Jahren. Das Projekt wurde von der Europäischen Union gefördert und lief in Zusammenarbeit mit dem Berufsfortbildungswerk bfw des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Damals schloss John Deere die hauseigene Gießerei und begann, im gesamten Werk auf Gruppenarbeit umzustellen. Für die Mitarbeiter hieß das: Wer seine Arbeit behalten wollte, musste sich qualifizieren.

Inzwischen ist es erklärtes Ziel des Managements, dass nach und nach alle John-Deere-Mitarbeiter - gewerbliche wie angestellte - die Schulung durchlaufen. Und zwar unabhängig vom Alter. Beim Leiter der "Lerninsel Montage", Hubert Zobel, stehen 30-jährige Angestellte neben 55-jährigen Lackierern vor dem Flip-Chart und am Montageplatz. Der Anteil von Schulungsteilnehmern über 45 Jahren liegt bei mehr als 30 Prozent. Die Maxime vom lebenslangen Lernen wird bei John Deere als das genommen, was sie sein sollte: als selbstverständlich. Das allerdings ist in der deutschen Wirtschaft die Ausnahme.

Über den demografischen Wandel und seine Folgen für die bundesdeutsche Gesellschaft und den Sozialstaat wird zwar seit Jahren diskutiert.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, wie schlecht die deutsche Wirtschaft auf die Veränderung der Altersstruktur vorbereitet ist.