Bewerbungstermin beim Chef eines internationalen Finanzkonzerns. Bei einem Mann, von dem es heißt, er sei mächtig. Tatsächlich fällt im Gespräch irgendwann das Wort Macht, ein Wort, das der Mann nicht mag - also stellt er dem Bewerber eine Frage, die über den Erfolg der ganzen Bewerbung entscheiden soll: Wer hat denn wirklich Macht? Der amerikanische Präsident jedenfalls nicht, sagt der Bewerber, nachdem er eine Weile überlegt hat. Der angeblich mächtigste Mann der Welt muss sich für seine Taten andauernd rechtfertigen: vor dem US-Kongress, vor den Verbündeten, vor allem aber vor seinen Wählern.

Wirklich Macht hat, wer Märkte bewegt und Milliarden. Auf wessen Entscheidungen die Welt gespannt wartet und wer sich dabei von niemandem beeinflussen lässt - auch nicht vom amerikanischen Präsidenten. Wirklich mächtig ist Alan Greenspan.

Der Bewerber hat die Stelle bekommen, und heute erzählt er die Anekdote gelegentlich im kleinen Kreis. In dieser Woche hat er sich vermutlich an die Szene von damals erinnert: Weil Alan Greenspan, der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, am Dienstag seinen 75. Geburtstag feierte. Und weil in Deutschland genau rechtzeitig ein Buch erschienen ist, das den Anspruch erhebt, eine Insidergeschichte aus der geheimnisvollen Welt der Federal Reserve zu erzählen. Ein Buch, das laut Verlag "die persönlichen und politischen Zusammenhänge von Greenspan, der amerikanischen Politik, der Wall Street und der Weltwirtschaft" aufzeigen will. Geschrieben hat es der US-Journalist Bob Woodward, der als Fachmann für investigative Themen gilt, seit er 1972 mit seinem Kollegen Carl Bernstein den Watergate-Skandal enthüllte.

Woodwards Buch kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die ganze Welt auf Alan Greenspan schaut: Von der Zinspolitik der Notenbank hängt es ab, ob die amerikanische Wirtschaft eine unsanfte Bauchlandung macht. Ob die Kurse an der Wall Street - und in ihrem Sog die Börsen weltweit - weiter nur den Weg nach unten kennen oder sich doch wieder berappeln. Der Dirigent der Weltwirtschaft, wie Woodward den Notenbankchef nennt, muss jetzt den richtigen Takt vorgeben.

Wie schwer das fällt, beschreibt Woodward anhand der Krise von 1987. Im Sommer jenen Jahres hat sich die US-Konjunktur gefährlich überhitzt. Die Börse erlebt eine Spekulationswelle, die die Kurse immer höher treibt.

Greenspan, gerade ein paar Wochen im Amt, will bremsen - und sieht sich "vor einer Herausforderung, die dem Gehen auf einem im Fluß treibenden Baumstamm" gleicht. "Man spürt ein Ungleichgewicht und bewegt sich etwas, um es auszugleichen", schreibt Woodward. "Mag sein, dass man dabei aus dem Gleichgewicht kommt, aber wenn man es wiedergefunden hat, dann steht man besser und stabiler als zuvor. Wenn nicht, fällt man, und es kommt zum Crash." Unternimmt der Notenbankchef nichts, steigen über kurz oder lang die Preise, es droht Inflation. Erhöht er die Zinsen zu stark, kann die Spekulationsblase an der Börse mit einem großen Knall platzen.

Als die Kurse an einem Tag um zwanzig Prozent fallen, reagiert Greenspan richtig. Der laut Woodward "extreme Zweifler und Skeptiker", der Mann, über den seine Frau sagt, er habe drei Anläufe gebraucht, bis sie den Heiratsantrag überhaupt verstand, er beruhigt die panischen Anleger und Banken mit einem einzigen Satz. Die Zentralbank werde "die Liquidität gewährleisten", lässt Greenspan verbreiten. Im Klartext heißt das: Wir pumpen Geld in den Markt, um die in Schieflage geratenen Banken und Aktienhändler zu retten. Tatsächlich schafft das Vertrauen. Die Kurse steigen, die Krise ist abgewendet.