Am kommenden Wochenende trifft sich der Parteitag der Grünen. Da ist es Zeit, von einem guten Menschen zu reden: Claudia Roth, der zukünftigen Parteivorsitzenden. Ist das jetzt nichts als Spott? Lassen wir doch andere aus der Politik über sie reden. Franz Müntefering, Generalsekretär der SPD: "Ich freue mich auf die Zusammenarbeit." Geschenkt, Müntefering ist Koalitionspartner. Dann sollen eben die Konkurrenten auftreten. Die alten Minister Schwarz-Schilling, Blüm und Leutheusser-Schnarrenberger, ihre Kollegen im Menschenrechtsausschuss. Sie sagen unisono: "Wir werden sie vermissen."

Der gute Mensch aus Bayerisch-Schwaben

Also doch, alles gut an Roth! Nun soll sie selbst auftreten, im Berliner Hamburger Bahnhof beim Fest einer deutschen Tageszeitung. Tief dekolletiertes, rotes Kostüm, hochhackige Schuhe, wippende Ohrringe, lange Ketten, Ringe, mindestens drei an jeder Hand. Ein großer Auftritt! Das hat sie auch gelernt. Sie ist Dramaturgin von Beruf. Während ihrer Ausbildung in der schwäbischen Kleinstadt Memmingen hat sie auch mal mit Fritz Kuhn zusammengearbeitet. Mit ihm soll sie nun die Partei führen. Ob das ein gutes Gespann ist? Der grüne Haus- und Hofpolitologe Hans Joachim Raschke vermutet in seinem kürzlich erschienenen Buch über die grüne Partei, dass mit den beiden an der Spitze "die oft destruktive Logik der Strömungen in die Parteiführung zurückkehren wird". Wahr oder nicht?

Bleiben wir bei den Auftritten Roths, denn darin ist ein Teil der Antwort zu finden. Eigentlich sollte sie jetzt in ihrem Büro bis spätabends an ihrer Parteitagsrede feilen, aber sie lässt sich lieber unter Menschen in einem Restaurant ablenken und zu dem hinreißen, was sie am besten kann: der Inszenierung. Mit ausgebreiteten Armen läuft sie hin und her und spielt Szenen aus ihrem Lieblingsfilm Das Wunder von Mailand von Vittorio de Sica.

Das Märchen vom kleinen Toto, der zaubern kann und allen hilft, der Bettlerin, den Armen, den Verzweifelten. Roths Augen leuchten. Die Zuschauer spenden Applaus.

Sie ist keine, die sich um jeden Preis in die erste Reihe drängt. Ihre Partei hatte sie im Kohl-Untersuchungsausschuss aufgefordert, dem Exkanzler die Fragen zu stellen. Das war eine Gelegenheit, sich zu profilieren: Dem großen, alten Mann der Bundesrepublik öffentlichkeitswirksam zuzusetzen bietet sich nicht alle Tage an. Aber Roth verzichtete: "Christian soll das machen!"

Gemeint war Hans-Christian Ströbele.