Eigentlich hätte er es lieber für sich behalten. "Irgendwer ist immer neidisch", sagt Arash Mehdiani. Doch bald sprach es sich herum, dass der 17-jährige Schüler zweimal die Woche den Unterricht schwänzt - mit ausdrücklicher Genehmigung des Schulleiters. Jeden Dienstag und Freitag steht er um halb sechs auf, nimmt den Zug von Rösrath nach Köln, um rechtzeitig in der Universität zu sein. Während seine Mitschüler in der Schule Chemie und Geschichte lernen, sitzt Arash mit anderen Studenten im Grundkurs des Mathematikstudiums. Den verpassten Unterrichtsstoff arbeitet der Einser-Schüler zu Hause nach. Nur wenn eine Klassenarbeit ansteht, muss er auf die Uni verzichten.

Was bislang nur in Ausnahmefällen möglich war, ist in Köln neuerdings Programm: Auf Vorschlag ihrer Schule können besonders begabte Jugendliche Mathematik, Chemie und Physik studieren, bevor sie ihr Abitur in der Tasche haben. Die Kurse werden später angerechnet - vorausgesetzt, sie schaffen die Prüfungen. Daran zweifelt niemand mehr. "Die Schüler gehören zu den Besten in den Seminaren", sagt Ulrich Halbritter von der Universität Köln. Im Physikkurs lieferte die zweit- und drittbeste Klausur ein Schüler ab.

Deutschlands Schulen entdecken die Begabtenförderung. Bildungspolitiker und Lehrerkollegien, öffentliche Schulämter wie private Stiftungen wetteifern mit Modellen und Ideen, wie außergewöhnlich intelligente Kinder und Jugendliche besser als bisher ihre Talente entfalten können. Nach Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wollen nun auch andere Bundesländer, allen voran Nordrhein-Westfalen, so genannte D-Zug-Klassen einführen, um leistungsstarke Schüler schneller zum Abitur zu bringen. In Bayern sollen Kinder in Klassen für Hochbegabte neben dem normalen Lehrplan zusätzliche Fremdsprachen lernen.

An immer mehr Gymnasien finden Schüler nach dem regulären Unterricht zusätzliches Lernfutter in Arbeitsgemeinschaften und Förderstunden.

Wettbewerbe wie Jugend forscht verzeichnen Anmeldungsrekorde. Bundesländer planen Spezialschulen für Kinder und Jugendliche, denen das Lernen in herkömmlichen Gymnasien zu leicht fällt.

Die Idee, die Leistungsspitze zu fördern, passte noch vor kurzem nur schlecht ins pädagogische Raster bundesdeutscher Schulpolitik. Die wenigen Guten noch besser zu machen, das gilt bei vielen Lehrern, Eltern und Schulpolitikern bis heute als ungerecht und undemokratisch. Vielmehr ist das deutsche Schulsystem darauf gepolt, möglichst vielen Schülern eine Chance auf höhere Bildung zu ermöglichen - am besten bis zum Abitur. Die Politik hat Erfolg. Der Zugang zum Gymnasium ist kein Privileg mehr

statt 10 Prozent wie vor 30 Jahren dürfen heute 37 Prozent der Schulabgänger studieren. Das Bildungsniveau in Deutschland hat sich in den vergangenen 30 Jahren ständig erhöht - entgegen konservativer Wehklagen vom generellen Kulturabsturz.