London

Ein Eisenbahnunglück nach dem anderen, hoffnungslos blockierte Verkehrsarterien, eine Agrarwirtschaft in der Dauerkrise - die Leidensbereitschaft der Briten ist einem harten Dauertest ausgesetzt. Man sollte meinen, dass eine Regierung, die über solch eine Serie von Kalamitäten präsidiert, von zornigen Wählern nichts Gutes zu erwarten hat. Stattdessen spekuliert man auf der Insel nur noch über die Höhe der Labour-Mehrheit und Tony Blair, der noch im vergangenen Herbst während wütender Benzinproteste um seine politische Zukunft bangte, brennt darauf, möglichst rasch Wahlen anzusetzen. Das Paradox der Situation ist weder durch die mangelnde Attraktivität von Tory-Chef William Hague noch durch die Brillanz der Labour-Leistung in den zurückliegenden vier Jahren (sie war eher durchwachsen) zu erklären.

Die Chancenlosigkeit der Konservativen spiegelt einen bemerkenswerten Stimmungswandel wider. Marktprinzip und Privatisierung, ideologische Markenzeichen der Thatcherrevolution, von New Labour bejaht und für den Gebrauch einer Mitte-links-Partei modifiziert, werden auf der Insel nun wieder infrage gestellt. Urplötzlich geistert sogar ein längst tot geglaubter Begriff durch die Lande - Verstaatlichung. Mehr als zwei Drittel der Briten wünschen, die Privatisierung der Eisenbahn möge rückgängig gemacht werden.

Über die Schattenseiten der fulminanten Entstaatlichung in den vergangenen zwei Dekaden wird mittlerweile auf Dinnerpartys der konservativen middleclasses lamentiert. Wir sind zu weit gegangen, lautet der Tenor selbst in Wirtschaftskreisen.

Schuld am Desaster sind die Tories, glauben die Briten

Spürbar gewachsen ist die Abneigung, dem privaten Sektor noch mehr staatliche Aufgaben zu übertragen. Die Teilprivatisierung der Flugsicherung, die Tony Blair und sein Schatzkanzler Gordon Brown durchsetzen wollen, wird von rund 80 Prozent des Inselvolkes abgelehnt. Auch New Labours Absicht, die Londoner U-Bahn nach der Zauberformel PPP (Public-Private-Partnership) teilweise zu privatisieren, droht zu scheitern - am Widerstand von öffentlicher und veröffentlichter Meinung.

Zum dritten Mal binnen 20 Jahren wird Großbritannien zur Bühne eines faszinierenden Lehrstücks: In den achtziger Jahren war es die Marktrevolution des Thatcherismus. Sie gebar die Rezepte von Deregulierung und Privatisierung, verwandelte sie in eine säkulare Heilsbotschaft und in einen Exportschlager. Überall auf der Welt folgte man dem britischen Beispiel.