die zeit: In wenigen Wochen werden Sie mit Ihrem Stab in das neue Kanzleramt umziehen, einen Bau, den viele für missraten halten. Gefällt er Ihnen?

Julian Nida-Rümelin: Interessanterweise bietet das Kanzleramt im Inneren nicht so viel Platz, wie man vielleicht aufgrund der Außenansicht annimmt. Es ist sogar so beengt, dass meine Mitarbeiter und ich nicht auf einem Stockwerk zusammen arbeiten werden. Von außen wirkt das Gebäude gleichwohl kolossal.

zeit: Kolossal - was heißt das? Befürchten Sie, dass sich etwas im Machtverhältnis von Legislative und Exekutive verschieben könnte?

Nida-Rümelin: Nein, das fürchte ich nicht. Zumindest architektonisch treten jetzt Bundestag und Kanzleramt mit gleichem Gewicht auf - darin spiegelt sich lediglich unsere Verfassungsrealität. Es gibt heute allerdings Architektur, die auch große Volumina filigraner nach außen darstellt, als es das neue Kanzleramt tut. So sind Bauten aus Glas und Stahl oft gerade deshalb beeindruckend, weil in deren Fassaden immer auch die Umgebung reflektiert wird. Die Wucht dieser Gebäude wird so gebrochen.

zeit: Nun wirkt das Kanzleramt auch deshalb groß, weil es als Solitär dasteht. Anders als ursprünglich geplant, ist der Platz davor, das Bürgerforum, nicht architektonisch gefasst worden. Sollte man diese Lücke schließen?

Nida-Rümelin: Die Idee eines Bürgerforums zwischen Parlament und Regierung ist faszinierend, allerdings darf sie nicht zu einer anachronistischen Polis-Romantik übersteigert werden. Als genügte eine Agora, ein nationaler Marktplatz, auf dem die Bürgerschaft zusammenkommt, um über die öffentlichen Angelegenheiten zu beraten und zu entscheiden. Damit verbinden sich bisweilen antiparlamentarische Vorstellungen. Man darf nicht vergessen, dass die Politisierung der Straße in Deutschland eine ambivalente Geschichte hat.

zeit: Lässt sich das Bürgerforum nicht auch schlicht als Symbol verstehen, das an die Bedeutung des öffentlichen Raums erinnert?