"Körperwelten".

Im Berliner Postbahnhof sind derzeit die Körperwelten zu sehen, eine viel diskutierte Neugier- und Gruselshow anatomischer Präparate. Aus christlicher Sicht ist die Schaustellung von Leichen obszön, und mit einem Protestrequiem für die Toten der Ausstellung hatten die Katholiken kürzlich einen selten starken Auftritt in der notorisch religionsfernen Hauptstadt. Inzwischen hat sich die kirchliche Beschäftigung mit den Körperwelten zu einer Art bikonfessionellem Begleitprogramm ausgewachsen, Mein Leib genannt, mit Podiumsdiskussionen, Künstlergesprächen und Handreichungen für den Religionsunterricht. Man hat das öffentliche Interesse erkannt und die Debattenmaschinerie angeworfen. Das Thema "Körper" liegt ja auch in der Luft, wegen der Biotechnologie. Aber der Knalleffekt des Neinsagens, des Nichtmitmachens, des liturgischen Ernstes, der in der renitenten Totenmesse steckte, ist verpufft.

Holger Floß.

Viel hat er für die ZEIT fotografiert. Die Bildserie Die graue Revolution, veröffentlicht im gleichnamigen ZEIT-Dossier über den demografischen Wandel und Aspekte des Alterns, wurde 1994 mit dem Preis Sozialfotografie ausgezeichnet. Holger Floß, geboren 1958 in Wolfsburg, ausgebildet an der Bielefelder Hochschule für Gestaltung, war als Fotoreporter (mit deutlicher Vorliebe fürs klassische Schwarzweiß) ein Meister der stillen Beobachtung.

Kein atemloser Schnappschütze, sondern ein sanfter Erzähler, Menschenkenner.

Immer wieder hat er Blicke fotografiert, Gesten: Bilder ganz ohne Effekt, aber voller versteckter Spannung. Floß' Arbeiten, die in zahlreichen Zeitungen und Magazinen des In- und Auslandes erschienen sind, verzichten auf jede Inszenierung und schärfen doch - beiläufig, kühl, mit Sinn für das Rätselhafte und Absurde des absolut Gewöhnlichen - den Blick auf das alltägliche Welttheater, das uns umgibt. Am 25. Februar ist Holger Floß, noch nicht 43 Jahre alt, in Berlin gestorben.