Wer sich über die Geschichte afrikanischer Befreiungsbewegungen informieren will, kann auf eine Fülle meist englischer und französischer Literatur zurückgreifen

eine visuelle Aufarbeitung von Rang gab es bisher nicht, weder in Europa noch in Amerika. Jetzt hat, zum ersten Mal, das Museum Villa Stuck in München solch eine Ausstellung zustande gebracht. Das ehrgeizige Projekt entstand durch ein zufälliges Zusammentreffen der Museumsleiterin Jo-Anne Birnie Danzker mit Okwui Enwezor im Mai 1998 in New York, wo der gebürtige Nigerianer und Leiter der documenta XI im Jahr 2002 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt hat. Innerhalb von drei Jahren entwickelte Enwezor ein regelrechtes Forschungsunternehmen, um die in aller Welt verstreuten Dokumente zusammenzutragen. Die Exponate entstammen der Zeit des kulturellen Umbruchs während und nach der kolonialen Epoche, beginnend 1934 mit Aimé Césaires und Léopold Sédar Senghors Négritude. Der Anspruch, alle in diesem "kurzen Jahrhundert" sich entwickelnden kulturellen Bereiche wie Fotografie, Architektur, Musik, Theater, Film, Kunst bis hin zur Mode in den Kontext des revolutionären Aufbruchs zu stellen, ist hier zum ersten Mal glaubhaft verwirklicht.

Dem Besucher der Ausstellung fallen vor allem die Zeugnisse der modernen afrikanischen Kunst ins Auge. Die Gemälde zeigen selten antikoloniale oder ideologische Motive, sie sind Beispiele eines L'art pour l'art, wie es sich allerdings erst in der postkolonialen Zeit frei entwickeln konnte. Einer der inzwischen weltbekannten Maler, Ibrahim El-Salahi aus dem Sudan, steht für den vielschichtigen Austausch zwischen westlicher und afrikanischer Welt. Er und viele seiner afrikanischen Kollegen haben im Ausland Kunstschulen besucht oder hatten europäische Förderer in ihrem Heimatland.

Bedauerlicherweise fehlen manche Meisterwerke der zeitgenössischen afrikanischen Kunst. So sind von Twins Seven Seven, dem bekanntesten nigerianischen Maler, nur drei kleinformatige Werke zu sehen, nicht aber seine großen, auf mehreren Schichten Sperrholz gemalten Bilder. Übergangen werden auch die Zeugnisse der Steinbildhauer von Simbabwe, die in deutschen Privatsammlungen zahlreich vertreten sind

nur einer der prominenten, Thomas Mukarogwa, ist in München dabei, aber mit einem seiner seltenen Gemälde.

Eine Überraschung sind die Arbeiten der jungen Fotokünstler wie Malick Sidibé und Seydou Keita, beide aus Mali. Zu Recht hängen sie in der Kunstsektion - so wie es in jeder westeuropäischen oder amerikanischen Ausstellung üblich ist. So weit, so gut. Mehr vielleicht in Kassel, 2002.

"The Short Century", Museum Villa Stuck, München, bis 22. April