Die neuen Mercedes-Benz-Prospekte sind wie kleine Kunstwerke ausgestattet: schöne Autos in schönem, fremdartigem Licht. Aber wo liegt das Auto-Land? Von Rauch- und Blumenopfern auf den Ghats von Benares, von Schmutz und Menschengewimmel finden sich auf den erlesenen Fotografien des Werbematerials keine Spuren, und doch erinnern die Bilder auf unbestimmte Weise an die heiligen Morgenstunden am Ganges. Die Fotografen sind so früh aufgestanden wie die Hindupilger. In Lachs- und Aprikosentöne hat sich die Luft für sie gefärbt. Viel Himmel ist auf diesen Bildern. Die Erde ist karg und wüstenhaft, kein Baum, kein Strauch wachsen auf ihr. Ein elender Schuppen wird vom Himmelsglanz übergossen.

Das Land ist menschenleer. Der Betrachter sieht gleichsam von der Ufertreppe in Erwartung des erlösenden Sonnenaufgangs über den Fluss auf die magische andere Seite hinüber. Was dort über das trockene, sandige Geröll rast, ist zunächst kaum zu erkennen, so verwischt und geradezu entmaterialisiert sieht das aus. Und dann hält ein schwerer metallischer Körper, in dessen Haut sich das Sonnenrosa spiegelt, rund gewaschen wie ein Stück Seife, fremdartig wie ein unbekanntes Flugobjekt, mit der Umgebung völlig unverbunden, teuer und bedrohlich, und entthront die sich gerade erst zeigende Sonne. Ihr Prachterscheinen hat nur noch die Funktion eines effektvollen Bühnenscheinwerfers.

Es ist immer noch still in Benares, und auch das Gefährt jenseits des Ganges macht kein Geräusch, wenn es sich nun wieder in Bewegung setzt, aber man ahnt die ungeheure Kraft in seinem Innern wie im Körper einer Pythonschlange, die sich unaufhaltsam über unebenes Gelände schiebt. Wer hat das metallische Sehnsuchtsding in der schicksalhaften Morgenluft da drüben wohl gemacht, oder sollte man nicht besser sagen: geschaffen?

Herzklopfen heißt das kostbare Mercedes-Bilderbuch, und wahrhaft herzklopfend vernimmt man seine Antwort auf diese Frage. Es ist eine insinuierende Antwort, sie eröffnet sich nicht allen Betrachtern als Wort, sondern will tief in die Daunenkissen des Gefühls einsinken. Über zwei Seiten des Albums zieht sich eine riesige Hand. Sie ist ausgestreckt, aber dabei locker

ihre Finger staffeln sich auf eigentümlich bekannte Weise hintereinander in einem zeigenden und zugleich hängenden Gestus. Eine solche Hand reckt auf den Gewölben der Sixtinischen Kapelle Gottvater aus seiner Wolke, um den Geist aus den eigenen Fingerspitzen in die Hand Adams hinüberfließen zu lassen.

Seit längerem schon weht durch die Verkaufsmethoden der deutschen Autoindustrie ein silberner ferner Klang, Visionsluft, aber ganz ohne missionarischen Eifer, vielmehr aus dem Geist einer bereits alles besitzenden spirituellen Abgeklärtheit. Autoverkäufer galten lange nicht viel in der Hierarchie der Kaufleute. Jetzt sind sie Philosophen, Seelenkundige, ja Seelsorger geworden, sie gleichen Galeristen, die Kunstwerke nicht verhökern, sondern sie ihren Kunden wie Orden verleihen. Die Pilgermönche von Benares dürfen am Ziel ihrer Wanderung nicht länger als drei Tage verweilen, denn die Beständigkeit der Bewegung gehört zu ihren geistlichen Prinzipien - Sesshaftigkeit birgt alle Laster in sich und ist selbst das größte Laster.

Was würden die Sadhus sagen, wenn sie aus deutscher Autowerbung das Lob der Mobilität, der "Bewegung an sich", vernähmen? Und von einem allgemeinen "Anspruch auf Mobilität" erführen?