Rudolf Scharping gerät in die Klemme: Vor seiner Runderneuerung der Bundeswehr türmen sich finanzielle Hindernisse auf. Rund 800 Millionen Mark an unbezahlten Rechnungen aus dem Jahr 2000 schiebt der Minister vor sich her. Weitere zwei Milliarden fehlen für überfällige Reformvorhaben. Die im Etat veranschlagten Mittel zur Materialerhaltung sind so knapp bemessen, dass bei der Luftwaffe Überlegungen angestellt werden, der Nato zugesagte Verbände abzumelden. "Die Bundeswehr ist nicht zu 100 Prozent einsatzbereit", lautet der Befund des Generalinspekteurs.

Es steckt dahinter mehr als das jährlich vor der Haushaltsberatung übliche Gezerre und Gejammere der Teilstreitkräfte. Der Verteidigungsetat - 2002 rund 46,8 Milliarden Mark - ist zu eng geschneidert, als dass sich damit auch nur der normale Betrieb finanzieren ließe, geschweige denn die kostspielige Reform. So früh wie dieses Jahr wurde der Wehrhaushalt noch nie blockiert.

Die Materialerhaltungskosten sind unterschätzt worden. Für die halbe Milliarde, die zur Anwerbung und Besserstellung der Soldaten nötig ist, fehlt die Deckung. Rüstungsprojekte im Umfang von zwei Milliarden Mark sind bisher nicht finanziert. Die Erlöse aus dem Verkauf überschüssigen Materials und geräumter Bundeswehr-Immobilien lassen auf sich warten.

Die Militärs stellen der Regierung, sollte sie auf den Sparkurs beharren, drei Szenarien zur Wahl: Schließung von weiteren 50 oder 60 Garnisonen

nochmalige Verkleinerung des Streitkräfteumfangs (der von 315 000 auf 285 000 sinken soll)

Rückzug der Bundeswehr aus dem Balkan (jährliche Ersparnis: zwei Milliarden Mark).

Der Abmarsch aus Bosnien und dem Kosovo würde die Bundesregierung jeglicher außenpolitischer Glaubwürdigkeit berauben. Ebenso schlimm wäre es, wollte Berlin seine Zusagen zum Nato-Modernisierungsprogramm (Defense Capability Initiative) oder für die Aufstellung der Schnellen Eingreiftruppe der Europäischen Union zurücknehmen