Dem deutschen Schlager geht es wieder besser. Lange kränkelnd und an mangelnder Anerkennung leidend, hatte er zuletzt seine Zuflucht bei der Ironie gesucht. Wie ein Sterbender, der mit der Familie scherzt, um allen (und sich selbst) den Todeskampf zu erleichtern, hatte er die Narrenkappe aufs todesblasse Haupt gezogen. Doch siehe da! Wie er so herumspaßte, bald den Nusseckenfreund, bald den tanzenden Metzger gab, da röteten sich seine Wangen wieder, das Dekolleté, das eben noch mit Toupets eine behaarte Männerbrust vortäuschte, füllte sich wieder mit echten Brüsten und sang: Wer die Liebe lebt. Die alte Ernsthaftigkeit ist beim deutschen Kandidatenwettbewerb für den Grand Prix mit Macht zurückgekehrt und trägt den Namen Michelle.

Mehr Gesundheit und Humorlosigkeit waren schon lange nicht mehr. Über den inneren Zusammenhang des einen mit dem anderen ließe sich nun in der Nachfolge Thomas Manns weitläufig spekulieren

aber so viel ist sicher: Die Blonden und Blauäugigen haben den Schlager wieder in Besitz genommen und den kränklichen Intellektuellen, den Ortega y Gasset einmal pathetisch den "Anderen" nannte, erfolgreich verscheucht. Was war das Unwesen, das dieser Andere im deutschen Schlager trieb? Es war die Postmoderne, die nach dem Muster von Architektur und Kunst auch im Lied mit den tradierten Versatzstücken des Melos und des Kitsches ironisch spielte. Dieses Spiel nun hat Michelle mit ihrem süßen Stimmmchen resolut beendet. Die Versatzstücke sind natürlich geblieben, aber sie werden wieder ordentlich zusammengesteckt und dienen nicht mehr der Belustigung, sondern dem Trost und der Erbauung.

Singende Herrenausstatter und fette Rocker sind des Platzes verwiesen

der Andere wird wieder zuverlässig als Volksfeind erkannt, wie Buhrufe beim Kandidatenwettbewerb zeigten.

Auch diese Wende haben, wenn nicht alles täuscht, die Ostdeutschen erzwungen.

"Dass die Omis im Osten viel lieber sind / und jeder Spinner hier eigentlich nur halb so viel spinnt", singt die Gruppe Niemann ihren Landsleuten zu, denn: "wir sind viel zu bescheiden". Niemann schließt: "Dass wir irgendwann die Sieger sind, lässt sich nicht vermeiden." Das allerdings ist wiederum zu bescheiden formuliert. Der im erbaulichen Geiste der werktätigen Massen runderneuerte deutsche Schlager hat schon gesiegt