Dieser Film handelt von zwei Experimenten. Das eine ist berühmt, das andere berüchtigt. Das eine hat 1971 an der Stanford-Universität stattgefunden, geleitet von einem Psychologieprofessor. Das andere findet immer wieder in Deutschland statt, geleitet von einheimischen Filmregisseuren. Im ersten geht es um menschliches Verhalten im Rahmen einer simulierten Gefängnissituation, im zweiten um spannendes Erzählen im Rahmen angewandter Hollywood-Dramaturgie. Das erste Experiment schlug damals fehl

es musste nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die Situation zu eskalieren drohte. Das zweite Experiment dagegen scheint diesmal geglückt.

Oliver Hirschbiegels Film Das Experiment wurde vor kurzem vom Branchenblatt Screen International für "reif" erklärt - reif für ein Remake in englischer Sprache, das heißt: in Hollywood.

Das so genannte Stanford-Prison-Experiment gehört, wenn man so will, zu den Klassikern der modernen Verhaltensforschung, gemeinsam mit dem (noch bekannteren) Milgram-Experiment, in dessen Verlauf Versuchspersonen bereit waren, gegen ihre "Opfer" - nach Aufforderung durch vermeintliche Autoritäten - Stromstöße von tödlicher Dosis auszulösen. In Stanford wurden die Versuchspersonen nach Zufallsprinzip entweder zu Gefangenen oder zu Wärtern erklärt

mithilfe weniger Regeln sollten sie zwei Wochen lang Gefängnisalltag nachstellen. Aber schon nach wenigen Tagen häuften sich Fälle von Persönlichkeitsverlust aufseiten der Gefangenen, während die Wärter ihre Gegenüber immer brutaler schikanierten - obwohl doch allen bewusst war, dass sie gemeinsam an einem Rollenspiel teilnehmen.

Der Hamburger Autor Mario Giordano hat aus dem historischen Fall vor wenigen Jahren den Roman Black Box - Versuch mit tödlichem Ausgang entwickelt. Auf diesem Buch basiert nun Oliver Hirschbiegels Das Experiment. Darin wird das Experiment natürlich nicht abgebrochen, als es zu eskalieren droht. In der Eskalation kommt der Film erst zu sich selbst. Man muss Autor und Regisseur Recht geben: Die "wahre Begebenheit", die ihrem Werk zugrunde liegt, enthält einen großartigen Filmstoff. Nur ist man sich nach dem Ansehen des Film nicht mehr sicher, ob man dabei vom gleichen Stoff spricht. Denn Hirschbiegel tritt seiner Vorlage etwa so gegenüber wie seine Hauptfigur Tarek dem Experiment - als Agent provocateur. Je mehr es kesselt, desto besser fürs Publikum.

Tarek Fahd (Moritz Bleibtreu) ist Taxifahrer, aber er war mal Journalist.