Peking

Wäre er kein Chinese, würde man ihn als Langnase verspotten. Zhu Rongji hat auch für westliche Augen Profil. Zumal die markante Nase seinem politischen Charakter entspricht: Unerbittlich und unbestechlich regiert der Pekinger Premierminister seit drei Jahren die Volksrepublik. Vom eigenen Volk respektiert und im Ausland hoch gelobt, steht er heute auf dem Höhepunkt seines Einflusses. Von nun ab aber geht es bergab: Zhus Rücktritt im März 2003 ist bereits angekündigt. Schon streitet die Partei um einen Nachfolger.

Viel Zeit bleibt dem ehemaligen Rechtsabweichler nicht mehr, um seinem Ruf als Chinas wichtigstem Reformer der Moderne gerecht zu werden.

Also macht er Tempo. Diese Woche legte Zhu dem Nationalen Volkskongress (NVK) in Peking einen Fünfjahresplan vor, der seinen Namen nicht verdient. Klare Planziele und Wachstumsvorgaben entfallen. Der Privatwirtschaft wird Tür und Tor geöffnet. Ein neues Sozialnetz fängt die Armen ab. Als hätte Zhu sein Reformziel heute schon erreicht, spricht er von der Überführung der kommunistischen Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft. Doch so weit hat sich das Rad der Geschichte noch nicht gedreht: "Wissenschaft, Technik und Bildung sind relativ rückständig, es herrscht Knappheit an Wasser, Erdöl und anderen Rohstoffen", warnt Zhu - er blickt schonungslos offen auf sein Land. Die Umweltbilanz verschlechtere sich, das Einkommen der Bauern und eines Teils der Stadtbewohner steige zu langsam, das Einkommensgefälle wachse. Und der Staat? "Unterschlagung, Korruption, Extravaganz und Verschwendung sowie Formalismus und Bürokratismus greifen um sich."

Eine solche Bestandsaufnahme kann sich nur leisten, wer den eigenen Leuten immer ein Stück voraus ist. Zhus beste Waffen im Umgang mit dem schwerfälligen Partei- und Regierungsapparat sind analytische Schärfe und ökonomische Sachkenntnis, die zu schnellen Entscheidungen führen. Wie kürzlich für den deutschen Transrapid: im Juni die Probefahrt im Emsland, im Januar die Vertragsunterzeichnung, vergangene Woche der Baubeginn in Shanghai. Und schon sind 25 Milliarden Mark im neuen Fünfjahresplan für die Streckenweiterführung nach Peking veranschlagt. Der Premier tritt auf als Genosse der Bosse.

Doch der Kopfmensch Zhu bleibt im Herzen Kommunist. Seine gewohnt nüchterne Stimme schwillt an und bricht, wenn er von der Revolution spricht: "Ich war erst neunzehn Jahre alt, und ich erinnere mich heute noch an all die Lieder, die wir für die Rettung unseres Vaterlandes sangen. Damals haben wir Chinesen alles getan, um nicht die Sklaven anderer zu werden." So sieht er seinen Kampf auch heute: China wäre zum Sklaventum verdammt, würde es nicht den Anschluss an die "neue wissenschaftlich-technische Revolution" und die Globalisierung finden. Nur der Beitritt in die Welthandelsorganisation (WTO) und die Unterwerfung unter das Diktat der internationalen Konkurrenz kann seiner Meinung nach das Land aus der Rückständigkeit befreien. Genau an dieser Stelle unterscheidet sich Zhu kaum von Mao: Unbarmherzig verlangt er von seinem Volk Opfer auf Opfer.

So viele Arbeiter wie der kommunistische Regierungschef hat noch kein Kapitalist gefeuert. Drei Jahre gab sich Zhu beim Amtsantritt Zeit, die Betriebshinterlassenschaft der Planwirtschaft auf Vordermann zu bringen.