Wer andern einen Tunnel gräbt, fällt meistens selbst hinein. So und ähnlich witzeln die Russen dieser Tage, da ein lang gehütetes Geheimnis der amerikanischen Geheimdienste aufflog. Die US-Aufklärer hoben in den achtziger Jahren einen Schacht unter der sowjetischen Botschaft in Washington aus, durch den sie die Festung des real existierenden Sozialismus bespitzelten.

"Gut gewühlt, Maulwurf!", freuten sich die Geheimdienstler seinerzeit, doch ahnten sie nicht, dass ihre Erdarbeiten durch einen feindlichen Wühler an die Sowjets verraten wurden. Der im Februar verhaftete FBI-Doppelagent Robert Hanssen soll die Information vom verschwiegensten aller Tunnel Washingtons preisgegeben haben.

Dennoch geben sich die Russen heute überrascht. Das Moskauer Außenministerium bestellte am Montag den amerikanischen Geschäftsträger ein. Routineaufregung.

Der Streit um die Botschaften reicht in die siebziger Jahre zurück. Während die US-Gesandtschaft in Moskau einen Steinwurf vom Regierungsgebäude lag, bauten die Sowjets ihren Marmorpalast in Washington auf der Höhe des Mount Alto. Beide Seiten bezichtigten einander der Lauscherei in der eigenen Hauptstadt. Ab sofort wurde gegengelauscht. Die Russen brannten in die Ziegel der US-Botschaft Abhörgeräte, die Amerikaner drangen ins Erdreich des Mount Alto vor. Und so hörten die Lauscher, dass sie abgehört wurden.

Aufgedeckt wurden vor allem die unterschiedlichen Methoden der Klassenfeinde.

Die Moskauer präparieren mit Vorliebe das Mauerwerk, weshalb in der russischen Hauptstadt mitunter die Wände sprechen, wenn die Anlagen verkehrt herum geschaltet sind. Die Amerikaner hingegen sind begnadete Tunnelgräber, davon legt nicht nur die Ingenieurleistung im Mount Alto Zeugnis ab. In den fünfziger Jahren trieben amerikanische Undercover-Kumpel einen Schacht von Westberlin hinüber nach Ostberlin, um sowjetische Telefonlinien anzuzapfen.

Die CIA finanzierte den Tunnelbau einer Westberliner Kampfgruppe, damit diese im sowjetischen Sektor Sabotage verübte.