Der Außenminister verließ sich auf sein schlechtes Gedächtnis. "Soweit ich mich erinnere", schob er bei kitzligen Fragen des Richters nach, der ihn als Zeugen im Prozess gegen den Exterroristen Klein geladen hatte. Joschka Fischer tat gut daran. Denn für ein schlechtes Gedächtnis hat man in Deutschland Verständnis. Zum Ausgleich arbeitet man dafür unermüdlich Vergangenheit auf. Zurzeit ist es das Jahr 1968 und seine Folgen. Da passt es zudem gut, dass die "Amerikanisierung des Holocaust" nun endlich auch die wahren Täter ins Licht rückt und an dieser Stelle unser hoch belastetes Gedächtnis ein wenig entlastet wird.

Und auch die Franzosen, die sich soeben noch mit typisch welscher Schadenfreude darüber amüsierten, dass ausgerechnet die Deutschen für die ungeraden Wege der Mächtigen angeblich so gar kein Verständnis aufbringen wollen, erinnern sich zurzeit mit Schaum vorm Mund an "1968". Aber typisch französisch geht es hier nicht um Gewalt und Gegengewalt, sondern um Sex. Und es geht natürlich auch nicht um die Liebe zwischen Französin und Franzose, sondern um die Erfahrungen des roten Danny mit Kindersex in einem Frankfurter Kinderladen. Daniel Cohn-Bendit hatte 1975 in seinem Buch Le Grande Bazar die Verführungskünste und lustvollen Praktiken vier- bis sechsjähriger Mädchen beschrieben, um die Tabuisierung von Kindersexualität als "reaktionär" zu entlarven.

Auch das ist deutsch-französische Freundschaft: Französische Bourgeoisie und deutsches Kleinbürgertum stellen die einstigen Helden der einzigen westlichen Jugendrevolte als Watschenmänner auf, um sie nach gusto abzustrafen - als Kinderschänder oder Gewalttäter, am besten beides. Tatsächlich aber haben die deutschen und französischen Gedächtniskünstler, die sich so krokodilstränenhaft besorgt an "1968" erinnern, noch eine Rechnung offen. Es ist die Rechnung für ihre moralische Verstörung durch die Gedächtnisforderung der Achtundsechziger an die NS-Zeit. In Frankreich war diese mit dem Kreis um Serge Klarsfeld verbunden, der bis heute unermüdlich die Erinnerung an die Kollaboration einklagt. In Deutschland war es die bis heute inkriminierte Mitscherlich-Formel von der "Unfähigkeit zu trauern". Es ist das Gedächtnis eines Gedächtnisverlustes, das durch eine neue Form der Erinnerung - der moralischen Deligitimierung - dekonstruiert werden soll. Das klingt komplizierter, als es ist. Die moralische Delegitimierung derjenigen, die heute noch Symbol für die moralische Überwindung des Verdrängens sind, macht auch das Verdrängen verdrängbar. Lassen wir dabei dahingestellt, dass mit Joschka Fischer auch ein politisches Gegenwartssymbol vom Sockel stürzen würde. Seine diffuse, historisch höchst zweifelhafte Applikation an "die Achtundsechziger" durch seine Kritiker zeigt, dass es eben auch um diese geht.

Aber wer nun als angemessene Reaktion auf die durchsichtige Demoralisierungskampagne wider die Gedächtnispolitik der Achtundsechziger das Festhalten an ihrem Paradigma "Auschwitz ist überall" proklamiert, tappt schlussendlich in die gleiche Gedächtnisfalle, in der sich die Krokodilstränenkritiker Joschka Fischers und Cohn-Bendits verfangen. Der Blick unter das Sofa der deutschen Geschichte zaubert eben nicht unentwegt alte und neue Nazis hervor. Allenfalls konnte auf diesem Sofa - wie Walter Benjamin wusste - die Tante nur ermordet werden. Was heißen soll: es geht darum, das ganze Sofa zu entrümpeln.

Gedächtnis ist, so die antike Rhetorik, eine erlernbare Kunst der Gerichtsrede. Es dient der Anklage oder der Verteidigung. Die Fixierung auf den agonalen Gebrauch - so wandte schon Augustin ein - verkennt aber das Wesen des Gedächtnisses als einer Substanz des Geistes. Er beschreibt in seinen von Schulderinnerungen geprägten Bekenntnissen das Gedächtnis als einen expandierenden Raum, der mit der Erinnerung wächst und den Menschen menschlich werden lässt. Dieses Augustinische Universum des Gedächtnisses - wie das Einsteinsche unbegrenzt, aber endlich - verbietet Fixierung auf einen einzigen Punkt. Auch unter dem Vorwand, einen anderen zu meinen. Und es verbietet noch sehr viel pointierter kompensatorische Gedächtnisleistungen.

Also etwa das Muster: an der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit zeigen wir nun einmal, was für fabelhafte Gedächtniskünstler wir geworden sind - Selbstentschuldung qua Schuldhaftung anderer.

Die Nachkriegsgesellschaft schuftete, statt sich zu erinnern