Nun ist es also so weit: Die Oper ist geschlossen, sie wird entkernt und umgebaut zu einem "Multifunktionsbau mit angegliedertem Erlebnisbad". Der neue Besitzer hat es verkündet, stolz tönend bei einer Hausbegehung. Auf der Bühne steht schon der große Schuttcontainer. Eine riesige Abrissbirne kracht gegen die Wand, dass man die Erschütterungen bis ins Parkett spürt. Männer mit gelben Helmen wuchten Eisenträger und fahren mit Schubkarren durchs Theater. Gerade wird das Klavier des Korrepetitors mit dem Kranseil auf den Container gehievt. Vorbei ist es mit dem Theater, vorbei ist es auch mit Verdi - ausgerechnet im Jubiläumsjahr des Komponisten. Vor 100 Jahren ist Verdi gestorben, jetzt stirbt auch seine Kunst. Zumindest in Graz, in Peter Konwitschnys Falstaff-Inszenierung.

Noch lungern ein paar Sänger in Alltagskleidung auf der Baustelle herum.

Einer klimpert versonnen eine dieser sehnsüchtigen Liebesmelodien auf dem verschrotteten, verstimmten Klavier. Ein Zweiter kritzelt mit Kreide den Satz "Theater war schön" auf die Containerwand. Ein Dritter schnallt sich noch einmal den dicken, mit Schaumgummi ausgestopften Stoffwanst um. Und dann spielen sie in der Abbruchsszenerie ein allerletztes Mal Oper - das letzte Werk des alten Italieners.

Natürlich bleibt das Grazer Opernhaus bestehen, die Baustelle - alles Kulisse. Weil Konwitschny im Falstaff überall nur Abriss, Zerstörung, Untergang entdeckt hat. Verdis finale Komödie markiert für ihn das Ende der großen Oper des 19. Jahrhunderts, womöglich sogar das Ende von Oper überhaupt. Wie der altmodische Ritter und Lebemann Sir John Falstaff, der einer feudalen Denk- und Lebensart verhaftet ist und mit der neuen bieder-bürgerlichen Welt, in der er ein Außenseiterdasein fristet, nicht mehr klarkommt, so scheint sich auch der Regisseur zu fühlen - aus der Zeit gefallen, überrannt von den Furien der Veränderung. "Verdis Tod, Ende Januar 1901, markiert den Einbruch der Moderne in die Welt. Den Anfang vom Ende, auch vom Ende des Theaters. Heute erübrigt sich das Theater, weil die Menschen nicht mehr spüren, dass es für sie wichtig ist", schreibt Konwitschny im Programmheft. Falstaff formuliert es kürzer: "Brutta morte.

L'acqua mi gonfia" (Böses Ende. Wasser im Bauch), stöhnt er, nachdem man ihn in die Themse geworfen hat.

In Graz geht in dieser Spielzeit außerdem die Ära des Intendanten Gerhard Brunner zu Ende, für den Konwitschny insgesamt sieben Opern auf die Bühne gebracht hat. Abschied und Umbruch auch hier. Aber einen elegischen Abgesang, ein melancholisches Addio auf den Antihelden Falstaff, auf die Grazer Jahre und das Theater schlechthin wollte Konwitschny nicht inszenieren. Er hat sich zu einem letzten Wutanfall hinreißen lassen, zu einer Verdi-Liebeserklärung mit dem Presslufthammer.

Die Konfliktlage ist klar: Den Bauarbeitern des Neuen steht die alte Opernkunst im Weg. Die Sänger werden von den Männern mit den gelben Helmen unwirsch zur Seite gedrängt. Sobald eine Szene zu Ende ist, hebt der nervende Baulärm wieder an, Hämmern, Schütten, Rufen, das entfernte Jaulen einer Kreissäge. Ulf Schirmer am Pult des Grazer Opernorchesters versucht dazu die Widerborstigkeiten der Partitur herauszuarbeiten und baut hin und wieder auch ein paar unfreiwillige Wackler in die Statik der vertrackten Ensemblesätze ein. Das ganze Stück wirkt wie nach einem Volltreffer der pendelnden Abrissbirne: überall Brüche, feine Risse, ausgefranste Kanten, gähnende Löcher. Und weil die Erschütterungen für Konwitschny weit über den Falstaff hinausgehen, entsorgt er mit sarkastischem Ingrimm auch gleich noch sein ganzes Grazer Repertoire. Die Requisiten und Möbel stapeln sich immer höher auf dem Container. Auch das Sofa aus seiner Aida und das Pissoir aus der Verkauften Braut kommen auf den Sperrmüll.