Na, du bist aber gewachsen! Diesen Satz bekommen Kinder oft zu hören.

Auch die Grünen kennen das zur Genüge. Und wenn am kommenden Wochenende in Stuttgart der grüne Parteitag zusammentritt, wird es wiederum heißen: "Die Grünen sind erwachsen geworden." Warum auch nicht? Als immer passende Deutung bietet er sich an, weil sich die Partei lange Zeit so entschlossen pubertär gerierte, dass jeder Schritt, mit dem sie sich aus dieser Tradition verabschiedet, von neuem Verwunderung auslöst: Kaum wiederzuerkennen - diese Grünen! Doch neben Anerkennung und ein wenig Enttäuschung schwingt auch eine Spur von Verachtung mit.

Das ist gefährlich für die Grünen, denn so lautet ihr Kernproblem: Wie können sie - bei all den Zumutungen, die ihnen die Machterhaltung abverlangt, den grünen Impuls bewahren, seine Wirkung und seine Sichtbarkeit?

Allzuoft in den vergangenen zwei Jahren schien die Frage, die sich die Grünen stellten, anders zu lauten: Wie entsorgt man möglichst geräusch- und skrupellos, was man einmal für ganz besonders wichtig, richtig und moralisch überlegen gehalten hatte? So eifrig war die Parteispitze bemüht, Regierungsfähigkeit und Realismus zu demonstrieren, dass die Frage nach dem politischen Wozu der ganzen Operation keine erkennbare Rolle mehr spielte.

Zu keiner Zeit seit der Schlüsselentscheidung über den Kosovo-Krieg wurde die Koalition durch grünen Starrsinn gefährdet - jedoch wurde sie auch zu keiner Zeit durch grünen Eigensinn bereichert. Doch die Einübung in bedingungslosen Realismus, der sich von Opportunismus kaum mehr unterscheiden lässt, ist für die Grünen existenzgefährdend. Seit dem Amtsantritt von Kuhn und Künast versucht sich die Partei aus dieser unbequemen Lage zu befreien und das Eigene wieder deutlicher zu machen.

Das ist nicht einfach, wie sich am Streit um die Castor-Transporte, einer Art innergrünem Kulturkampf, gerade wieder zeigt (ZEIT, Nr. 10/01). Ja, man hat sich auf einen Atomkompromiss eingelassen - unter den obwaltenden Machtverhältnissen in der Koalition einlassen müssen -, der weit hinter den langjährigen Forderungen zurückblieb. Jetzt müssen die Grünen den Kompromiss mittragen, keine Frage. Aber heißt das, dass der Rest der grünen Basis, der sich damit nicht abfinden will, nun seinen Protest einzustellen hat, wie es die Parteispitze zeitweise recht unverblümt forderte?

Selbst der clevere Fritz Kuhn hat reichlich spät erkannt, wie brisant es ist, wenn die einstige Bewegungspartei, die auf der parlamentarischen Bühne anfangs nur mit ihrem "Spielbein" vertreten sein wollte, heute eine Art regierungsbewehrtes Demonstrationsverbot gegen uneinsichtige Basisvertreter aussprechen will. Darüber wird auf dem Parteitag gestritten werden.