Für Ford Fesseden ist alles eine Frage der Recherche: "Analysieren wir genügend Daten, dann werden wir am Ende wissen, was schief gelaufen ist", sagt der Reporter der New York Times. Fessenden sucht seit ein paar Wochen nach der Antwort auf eine Frage, die sich die meisten Amerikaner längst nicht mehr stellen: Wer hat bei der Präsidentschaftswahl in Florida für welchen Kandidaten gestimmt?

Anfang vergangener Woche schien dies erst einmal beantwortet: Bush ist Sieger der amerikanischen Präsidentschaftswahlen titelten viele Zeitungen. Eine private Nachzählung des Miami Herald, so verrieten die dazugehörigen Artikel, hätte den Wahlsieg von George W. Bush in dem umstrittenen Wahlbezirk Miami-Dade County ergeben. Folglich habe der Texaner tatsächlich die Stimmenmehrheit in Florida errungen und sei der wahre Sieger der Wahl. Doch das ist nicht die ganze Geschichte.

Zur Erinnerung: Über einen Monat hatten die Vereinigten Staaten im vergangenen Winter über den Ausgang der Präsidentschaftswahl gestritten.

Vizepräsident Al Gore hatte zwar die Mehrheit der Wählerstimmen errungen, im entscheidenden Bundesstaat Florida lagen die beiden Konkurrenten jedoch nur wenige Stimmen auseinander - und Bush führte mit hauchdünnem Vorsprung. Gores Wahlkampfteam bestand daher auf der erneuten Auszählung von Stimmbezirken, die Bush-Leute wollten dies verhindern. Schließlich kam es zu einem zähen Streit vor Gericht. Erst im Dezember beendete der Oberste Gerichtshof die Auseinandersetzung, stoppte alle weiteren Nachzählungen und erklärte damit Bush de facto zum Sieger.

Dennoch bleiben Zweifel an seiner politischen Legitimität. Die These, dass er das Weiße Haus quasi usurpiert hat, erfreut sich unter den amerikanischen Linken großer Beliebtheit. Eine endgültige Antwort wird nun in einer Art Wettbewerb gesucht: Da in Florida fast alle staatlichen Unterlagen von den Bürgern eingesehen werden können, machten sich in den vergangenen Wochen zwei konkurrierende Gruppen von Medien daran, noch einmal alle Stimmzettel zu analysieren und das wahre Ergebnis der Wahl zu erforschen. "Wir sind der Öffentlichkeit dieses Ergebnis schuldig", sagt Martin Baron, der das Nachzählen für die Knight-Ridder-Zeitungsgruppe, zu der neben dem Miami Herald auch die Tageszeitung USA Today gehört, überwacht hat. Viel wichtiger war aber wohl: Als Erste konnten die Zeitungen eine Schlagzeile liefern, die Präsident Bush zum wahren Sieger machte. Dieses Ergebnis präsentiert allerdings nicht einmal die halbe Wahrheit, denn die Zeitungsgruppe ließ nur in Miami-Dade nachzählen. Auf diesem Wahlbezirk ruhten zwar bis zum Stopp durch den Supreme Court die größten Hoffnungen der Demokraten, Bush in Florida noch einzuholen

um jedoch den wahren Willen der Wähler zu ermitteln, müssen die Stimmen in allen 67 Bezirken Floridas nachgezählt werden. Das kann laut Aussage der Zeitungen noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Es reicht dann auch nicht, nur die so genannten undervotes von Hand nachzuzählen - also jene Stimmzettel, auf denen der Computer keine Stimmabgabe erkennen konnte.

Seriöse Untersuchungen müssten alle ungültigen Wahlscheine prüfen, beispielsweise auch die, auf denen angeblich oder versehentlich zwei Stimmen abgegeben wurden. Das aber war den Knight-Ridder-Blättern wohl zu aufwändig.