Ein szenischer Einstieg, um Neugier zu wecken. Danach Etablierung des Gegenstandes, Auffaltung der Motivik, alle mitnehmen bis zu dem Punkt, auf den es ankommt. Schließlich Peripetie, Klimax und Ausklang - so, in Analogie zum Drama wie auch zum Journalismus, hat der Meister alter Schule Pete Townshend einmal die Erzählweise des Rocksongs beschrieben. Viel zu langatmig für Blitzkinder wie Daft Punk.

In ihrer Perspektive soll es so sein: Von Sekunde 0.00 bis 0.15 wird der Beat extrapoliert, von 0.15 bis 0.30 bootet der Track sich hoch. Nach exakt einer halben Minute ist der Energielevel erreicht, um die zentrale Botschaft zu droppen: "One more time". Drei Wörter, die zusammen einen Slogan ergeben - das ist es bereits, viel mehr Text wird auf der neuen CD in der gesamten verbleibenden Spielzeit von über einer Stunde nicht geboten. Viel treffender lässt sich aber auch nicht sagen, um was es geht: Wiederholung. Noch einmal und noch einmal und noch einmal, Energie statt Dauer, Animation statt Narration. Eine Reprise gegen die Reprisen.

Noch einmal nehmen Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo alias Daft Punk auf ihrer neuen CD die Rolle von Kulturbeschleunigern für sich in Anspruch. Noch einmal wollen die beiden Mittzwanziger aus Paris das effizienteste Duo der Welt sein, wenn es darum geht, die Tanzflächen zu füllen. Der Nom de Guerre führt in die Irre: Daft Punk sind weder Punks noch daft (= doof), sie beerben bloß mit ihren Mitteln einen Gestus, der zum letzten Mal in den späten Siebzigern aufblitzte. Zu der Zeit wurde gerade das ultimative Aufgebot des Rock 'n' Roll in die Arena geschickt, zerrupft, schlecht gelaunt, mit Bier in den Haaren und bloß noch von Sicherheitsnadeln zusammengehalten. Das anschließende lange Siechtum des Genres haben die zwei Superhelden (trotz anfänglichen Experimenten mit Gitarren) clever übersprungen, sie sind gleich im neuen, im elektronischen Zeitalter gelandet - mit der Behauptung, dass Disco der neue Punk sei.

In den Neunzigern ist ihnen dieser Coup scheinbar aus dem Nichts heraus gelungen, jetzt gilt es, erneut den Beweis anzutreten, dass elektronische Musik wie Rockmusik funktionieren kann: direkt, impulsiv, ohne den intellektuellen Gestus von Akademie und Avantgarde, wie er im digitalen Gewerbe vorherrscht, nur eben auch elastischer und eleganter als bei den Kollegen von der Billig-Techno-Front. Dazu haben Bangalter und de Homem-Christo noch einmal das Daft-Punk-Logo aktiviert, einen gezackten Schriftzug auf dem Rücken einer Satinjacke, der das Cover ihrer ersten CD Homework zierte. Auf Discovery, der neuen, erstrahlt er in giftigmetallischem Quecksilber - was einen ähnlichen Halbstarken-Chic auf Poster und Plakatwände zaubert.

Im Hinblick auf Kurswerte in der Ökonomie der Aufmerksamkeit ist die Rechnung schon jetzt aufgegangen. One more time, die Single, die dem Album vorausging, das sie nun eröffnet, verkauft sich wie heiße Ware am neuesten Markt. Keiner Platte mit elektronischer Musik wurde in den letzten Jahren von so unterschiedlichen Zielgruppen so erwartungsvoll entgegengesehen wie Discovery - für die Plattenfirma Gelegenheit zu jenem Spiel, das sonst nur bei Königen des Pop und anderen Superstars Anwendung findet: Verknappung des Zugangs zum Produkt im Vorfeld, exklusive listening sessions, auf denen handverlesene Journalisten sich das Erzeugnis ein einziges Mal anhören können, Vergabe von Erstverwertungsrechten an Bildern und O-Tönen an Meistbietende, in diesem Fall die britische Face.

Dass das Magazin für teures Geld nur Robotermasken, mithin Nichtgesichter auf den Titel bekam, gehört zu den vielen Ironien des Bilder-Business und kann - mit etwas gutem Willen - als Punk interpretiert werden. Die hoch geheizte Konjunktur ist allerdings zugleich Teil des Problems. Elegante Popmusik aus Frankreich hat in den letzten Jahren mit Projekten wie Motorbass, Phoenix oder Air einen Boom erlebt. Nachdem auch Madonna sich einen Franzosen zur Produktion ihrer jüngsten CD ins Studio geholt hat, müssen Bangalter und de Homem-Christo gegen den Eindruck ankämpfen, Epigonen einer Nouvelle Vague zu sein, die sie selbst in Gang gesetzt haben.

Ewig junge Klänge aus dem Kinderzimmer