Das Vereinigte Königreich ist tot. 90 Jahre nach der irischen Sezession triumphiert die Scottish National Party (SNP) bei Wahlen zum Edinburgher Regionalparlament. Die neue Landesverwaltung organisiert ein Unabhängigkeitsreferendum. Das Volk stimmt mit Zweidrittelmehrheit für ein souveränes Vaterland. Wales folgt wenig später dem schottischen Beispiel. Die Queen ist nur noch das Oberhaupt eines geschwächten und verunsicherten England.

Eine weit hergeholte Fantasie? Geschichte kann so oder so weitergehen. Den hoch angesehenen Historiker Norman Davies beschleicht jedenfalls eine Vorahnung vom Ableben Großbritanniens. Niemand wisse, schreibt er, wie groß der Schaden an dem bestehenden Konstrukt bereits sei. Der Inselstaat sei weder ein zweites Jugoslawien noch eine Sowjetunion. Doch eine "unbemerkt anschwellende Lawine kann jederzeit abgehen. Niemand sieht voraus, welch geringfügiger Vorfall sie auslösen wird." Auch bei einem Überblick über die Geschichte des Kontinents bestach Davies die Kurzlebigkeit europäischer Staaten und Imperien. "Sie sterben ab, aber immer findet sich etwas, das ihren Platz einnimmt."

Denken wir das Szenario also weiter. Der Separatismus greift auf den Kontinent über. In Frankreich setzt die Union Démocratique Bretonne nach Massenstreiks eine Anerkennung der historischen Grenzen der Bretagne durch. Der Partit Occitàn erreicht die Autonomie eines Gebiets, das 12 bislang unter italienischer Herrschaft stehende Alpentäler, 32 französische Departements und das bisher spanische Arantal einschließt. Früher französische Städte heißen jetzt Bordéu, Clarmont, Montpelhièr und Marsilha. Korsika und Sardinien etablieren sich als unabhängige Inselstaaten. Italien zerbröckelt in autonome Provinzen und souveräne Stadtstaaten. Südtirol erklärt seine Unabhängigkeit. Im Nordwesten Spaniens gewinnt der Bloque Nacionalista Galego die ersten Wahlen im unabhängigen Galicien. Im Nordosten führt die Esquerry Republicana de Catalunya die Regierungsgeschäfte einer neu ausgerufenen Republik Katalonien. Die Basken verhandeln mit Madrid und Paris über ein eigenes Vaterland. Belgien splittert in Wallonien und Flandern auf. Hollands friesischer Norden macht sich unter der Fryske Nasjonale Partij selbstständig.

Hinter jedem dieser Spaltprodukte einer fiktiven europäischen Desintegration steht eine bereits real existierende politische Partei, die der Europäischen Freien Allianz (Efa) angehört. Aktivisten der Allianz setzen Ländernamen wie Frankreich oder Italien gern in Anführungszeichen. Die Efa bildet im Europäischen Parlament in Fraktionsgemeinschaft mit den Grünen die viertgrößte Gruppierung. Die Neunationalisten verstehen sich nicht als reaktionäre Eiferer, die einer ethnischen Kleinstaaterei Vorschub leisten, sondern als progressive Verfechter für mehr Demokratie in einer "Union freier Völker auf der Grundlage von Subsidiarität und Solidarität". Sie wollen die EU, die "gegenwärtig ökonomische auf Kosten sozialer, kultureller und ökologischer Werte überbetont", neu ausrichten. "Dem Frieden und der Umwelt verpflichtet, auf nachhaltiges Wirtschaften setzend, weltoffen und multikulturell."

Am 9. November 2000 veröffentlichte die Efa eine programmatische Brüsseler Deklaration, in der die "staatenlosen Nationen" Europas die Prinzipien ihres "demokratischen Nationalismus" darlegen. Eine kuriose Mischung sozialistischer, ökologischer und zivilgesellschaftlicher Phraseologie. Da ist von der Rolle der Efa als "Vorhut" die Rede, von "universalistischen" und "kontextuellen" Charakteristika der Bewegung. Die EU müsse allen Nationen und autonomen Regionen, wie klein sie auch sind, eine gleichberechtigte Rolle zuerkennen.

Was eine Nation ist, ergibt sich nicht aus dem internationalen Recht, sondern aus dem Volkswillen. Jedes Volk müsse für sich entscheiden, erklärt Angus Robertson, Europasprecher der schottischen Nationalisten, ob es eine Nation sei. Im Annex der Deklaration sind die Mitgliedsparteien aufgeführt. Sollten alle von ihnen repräsentierten Provinzen und Kantone entscheiden, ihre sprachliche oder kulturelle Identität qualifiziere sie für staatliche Autonomie, addiert sich daraus nach Beitritt der Ostländer ein Europa der 46: der 15 alten sowie der 12 neuen Staaten, dazu kommen 19 Sezessionsrepubliken.

Autos ohne Schottland-Aufkleber fallen schon unangenehm auf