Mein erster Tag im Kindergarten in Friedberg war zugleich mein letzter. Es war laut, es war bunt, die Luft war schlecht. Mein ganzes Leben sind Menschengruppen für mich ein Greuel. Also blieb ich zu Hause und hatte drei goldene Jahre vor mir, völlig mit mir alleine.

Mit der Schule begann dann das sinnloseste Kapitel in meinem Leben. Überall waren Menschen. Schulzwang heißt Menschenzwang. Ich fehlte in der Grundschule sooft wie möglich. Später ging ich fast gerne in die Schule, aber es war immer diese unüberwindbare Distanz da. Es gibt nur einzelne Menschen. Gruppen sind der Tod des Menschen. Ich habe in den dreizehn Jahren nichts gelernt, was es wert gewesen wäre. Denn alles, was mit Schule zu tun hat, ist frei von Geist, Verstand und Vernunft. Das wurde mir erst kürzlich wieder klar, als ich mein Deutsch-Schulbuch aus der 8. Klasse in die Hand bekam. Damals war ich wohl dreizehn, und mir wurden Aufgaben gestellt, die man eher an einen Sechsjährigen hätte richten sollen, nach dem Muster: "Lies den ersten Akt von Wilhelm Tell. Zähle auf, welche Personen in welcher Reihenfolge vorkommen. Wie erklärst Du Dir diese Reihenfolge?"

Lernen erlebte ich erst mit fünfzehn Jahren, als ich mit dem Instrumentalunterricht begann. Alles in der Schule Gelernte schrumpfte vor meinen Augen sofort auf ein lächerliches Minimum.

Jörg Wagner, der mich in Klassischer Gitarre unterrichtete, war der erste Lehrer, den ich im Leben hatte. Der erste, der mich gefordert hat. Er setzte den Entschluss voraus: Entweder du willst etwas oder nicht, und wenn du es nur halb willst, lass es bleiben. Er hat nie versucht, mich für etwas zu begeistern oder mir etwas nahe zu bringen. Das sind die Methoden der Schule. Da steht einer vorne und macht dir Angebote. Wenn ich aber nur an eine Sache herangehe, weil mich irgendjemand dafür interessiert hat, dann ist mein Interesse von Zufällen abhängig, nicht von mir, nicht von einer seelischen Bestimmheit. Der Schule ist es nie gelungen, mich für irgendetwas zu interessieren. Zum Glück, sonst wäre es mir möglicherweise gegangen wie den vielen, die denken, dass das kümmerliche Interesse, das sie dort entwickelt haben, tatsächlich ein Dasein bei der Sache ist.

Mit fünfzehn begann ich auch obsessiv zu lesen, verschlang ein Buch nach dem anderen, Stendhal, Shakespeare, Platon, Tolstoj, alle völlig durcheinander. Ich spürte, dass in diesen Büchern etwas ist, das wahrer ist als alle sprachlichen Äußerungen, die ich sonst um mich herum hörte. Es entstanden der Wunsch und das Ziel, eine Sprache zu finden für das, was ich bin und warum ich bin.

Je mehr ich las, desto eigenartiger erschien mir meine Umwelt. Wenn mein Chemielehrer redete, kam es mir vor, als stünde da vorne ein seltsames Wesen, das in Buchstaben und Zahlen sprach, sehr witzig eigentlich, in einem eigenartigen Rhythmus, aber nicht gerade wesentlich. In der 11. Klasse hatte ich in Physik noch eine Eins, in der 13. kam ich in keiner Naturwissenschaft mehr über die Note "Vier minus" hinaus. Ich fing zu schreiben an. Doch mir war klar, dass es seine Zeit brauchen würde, die eigene Stimme zu finden.

Ich studierte in Frankfurt Philosophie - und hatte ein Problem: Wer Magister werden wollte, musste Cäsar übersetzen können. Ich konnte weder Latein noch Griechisch. Von Zeit zu Zeit besuchte ich den Lateinkurs, der mich aber nur verwirrte - bis im sechsten Semester ein junger Dozent namens Oliver Primavesi den Kurs übernahm. Dieser Mensch ist mein zweiter Lehrer geworden. Schopenhauer hatte mir schon vorher verdeutlicht, wie grotesk derjenige ist, der Philosophie studiert, ohne die Texte im Original zu lesen. Dann kam Primavesi. Für ihn war es schlicht undenkbar, dass sich jemand nicht mit Haut und Haaren in den alten Sprachen niederlassen wollte. Ich habe bei ihm das Latinum gemacht, anschließend Latein studiert und Altgriechisch gelernt. Das war der sinnvolle Teil meines Studiums.

Für mich ist das Entscheidende das Erlernen von Fähigkeiten. Im Betriebsjargon über philosophische Texte zu reden oder Interpretationen von Thomas Mann zu vergleichen, das ist nur Blablabla. Ein Instrument, eine Sprache zu beherrschen, eine Kunstform - das sind Fähigkeiten. Im Nachhinein betrachtet, würde ich sagen, dass ich mich immer instinktiv vor der Beliebigkeit in Acht genommen habe. Mein Vorsatz beim Schreiben war: Du musst versuchen, etwas zu schreiben, das keinen Beliebigkeitscharakter hat. Es ging mir nie darum, Schriftsteller zu werden, sondern nur immer darum, einen Text zustande zu bringen, der vor mir selbst bestehen kann. Vor mir selbst und dem lieben Gott. Alles andere ist völlig unwichtig.

Aufgezeichnet von Dorothée Stöbener