Mein erster Abend in Prag. Ich lege mich in das Hotelbett, und in meinem Kopf saust es noch vom tschechischen Rotwein. Dazu ruft es vielstimmig aus Prager Kehlen: "Wir sind nicht der Osten. Wir sind Mitteleuropa!" Miniröcke eilen über den Altstädter Ring, mit Lippenstift asphaltierte Münder sagen: "Billig, billig. Alles hier." Bierbäuche schieben sich an den Stuckfassaden vorbei und drohen: "Wir sind ein Kulturdenkmal!" Keuchend wache ich auf.

Prag. Das taugt als Ziel einer Butterfahrt in den Osten. Nah und pflegeleicht. Sofa-Abenteuer: "Man spricht Deutsch." Exrucksacktouristen installierten sich fest in der Altstadt, Wohnsitz: "New Bohemia". So der sinnige Name eines Bagel-Diners. Hier sind sie: Neohippies, die an ihrem Joint ziehen und im besten Seattle-Slang seufzen: "Diese Amis machen mich krank." Die unzähligen Bars, Kneipen, Cafés riechen nach Scheuermittel und frischer Farbe. Heute neu eröffnet, morgen schon bankrott. In Prag kann man "Kafka!" schreien und Vaclav Havel ernten. Ikonen wachsen wie Pilze, werden Menschen, sterben. Kafkas Schatten irrt, "Parken verboten", durch die Altstadt. Dichterpräsident Havel lebt, Havel regiert, Havel irrt. Die strittige Frage für die Prager nur: mit wem, wann und wo? Keiner regt sich auf, dafür ist zu viel gekommen und gegangen, Bier gebraut und Blut in die Moldau gekippt worden. "Mütterchen Prag hat Krallen", schrieb Franz Kafka. Wo sind sie geblieben?

Auf einen Pflasterstein kommt circa ein Tourist im Sommer. Keine Steine gibt's für Demonstranten gegen die Globalisierung. Für den Gipfel des Weltwährungsfonds räumte die Regierung im September 2000 die Stadt auf: Die Kinder bekamen schulfrei, sollten aufs Land fahren, alte Leute im weiten Umkreis des Kongreßgebäudes wurden mit Medizin und Essen versorgt, Bettler und Roma aus der Stadt gekarrt, keiner sollte auf die Straße. Ausnahmezustand. Der Gipfel kam, ein paar Demonstranten zerstörten Geschäfte, wurden verhaftet, von der Polizei unrechtmäßig festgehalten. Die Prager beobachteten, belustigt, besorgt, eilten weiter.

Im Prag von Jaroslav Rudiz, 28 Jahre, ist alles in Ordnung. Rudiz weiß, wo man hingeht. Er schreibt als Kulturjournalist für die Literaturbeilage einer großen Tageszeitung und wohnt direkt neben dem Hauptbahnhof in ×izkov, einem ehemaligen Arbeiterviertel, das inzwischen zum Treffpunkt der jungen Prager geworden ist. "×izkov ist quasi eine eigene Republik." Nur zwei Kinder sind zu sehen, sonst niemand. Sie spielen auf der ansteigenden Gasse mit einem Straßenköter. ×izkovs Flair ist ein scheuer Kavalier, es zeigt sich erst in den Kneipen.

Wir betreten die Bierstube Zum ausgeschossenen Auge. Ich freue mich über die Kritzeleien in der Toilette. Denn sie beweisen: Das Lokal ist älter als die sterilen Touristentempel der Innenstadt. Das "ausgeschossene Auge" spielt auf eine Legende aus den Hussitenkriegen an. Die Hussiten: Anhänger des tschechischen Reformators Jan Hus, der lange vor Luther gegen die katholische Kirche rebellierte und auf dem Scheiterhaufen starb. Die Kneipe Zum ausgeschossenen Auge liegt an dem Berg Vítkov, wo 1420 die Hussiten gegen die Übermacht der katholischen "Kreuzfahrer" unter König Sigismund siegten. Jan ×izka, der hussitische Heerführer, wurde 1950 in Bronze gegossen - die größte Reiterstatue des Ostens, ohne Sockel neun Meter hoch. Ganz so respektvoll geht man in der Kneipe Zum ausgeschossenen Auge nicht mit Jan ×izka um. In satirischen Wandmalereien stecken sich Jan und der König wie in einem raffaelitischen Gemälde von Adam und Eva gegenseitig Früchte in den Mund. Doch beide sind abgemagert bis auf die Knochen. Der Prager Humor ist fein und hintersinnig. Zur samtenen Revolution 1989 klapperten die Bürger mit Millionen Schlüsseln, um auf die Öffnung ihres Landes zu drängen.

Wenn Jaroslav Rudiz sich mit seiner Freundin Denisa Müllerová streitet, geht es um den historischen Diskurs und nicht um Einkaufszettel. Beide haben Geschichte studiert, um Lehrer zu werden, arbeiten nun aber in anderen Berufen, denn an der Schule "verdient man leider schlecht". Wann kamen die Deutschen erstmals nach Tschechien? Während sie debattieren, schweben immer neue Bierkrüge heran. Das Bestellen läuft hier anders als gewohnt: Wer kein Bier will, muss sich wehren.

Alkoholgeschwängert gehen wir weiter ins Palac Akropolis. Das Kulturzentrum mit Theater, Konzertsälen und Bars liegt nah beim Fernsehturm. Aus den Lautsprechern erklingt die Gruppe Priessnitz, die sich nach dem böhmischen Doktor Kneipp benannt hat: "Mein persönlicher Vampir wohnt dort über dem Fluss, hat lange Haare, traurige Augen und eine gute Frau." Nierentische, hölzerne Schlangen in Terrarien, trendy Jungvolk. Hier treffen wir Vera Kovárová, die mit ihrem Mann bald Hochzeitstag feiert. Ihre Trauung war die Erste, die der Dissidentenpfarrer Václav Maly nach der Wende vollzog. Vorher hatte er Berufsverbot. "Wir heirateten in der Kirche Sankt Gabriel in Smíchov. Der Pfarrer war sehr aufgeregt, denn die meisten Gäste hatten keine Ahnung von katholischen Ritualen. Sie wussten nicht, wann sie aufstehen sollten und wann sie sich setzen mussten", erzählt Vera. Sie sagt, es sei anstrengend, in der freien Marktwirtschaft Schritt zu halten. Früher hätten die Prager mehr Zeit für Kultur gehabt. In den großen Firmen gab es Kulturreferenten. Einer davon war ihr Vater, und deshalb besaß er eine Dauerkarte für das Ständetheater, und jeden Sonntag begleitete ihn die Tochter. Dafür hat sie jetzt keine Zeit und kein Geld mehr übrig.