Wer hier mangelnde Lebensart erkennen lässt, das sind genau jene Zugereisten, welche eine verfeinerte Gastronomie einklagen, aber dann beim Italiener Nudelberge schlingen.

Zu dieser Sorte gehören auch Journalisten, diese pozentiellen Kumpane der Meisterköche und Oberkellner. Für sie hat der schlaue Viehauser ein spezielles Restaurant in Rufweite der Machtzentren eröffnet, Viehauser im Presseclub, mit dem großen V, das diesen umtriebigen Küchenchef kaum weniger kenntlich macht als das D bei Ducasse. Und wie der große Franzose in seinen vielen Restaurants den Ducasse-Stil durchsetzt, so sorgt Viehauser dafür, dass dort, wo V draufsteht, der Gast auch den Viehauser-Stil erwarten kann.

Im Presseclub wird das schon beim Eintritt ins Restaurant deutlich: Das gleiche schlanke Ambiente wie im Vau, keine Ornamente an den Wänden, keine Schnörkel auf dem Teller, eine wohltuende Nüchternheit herrscht vor. Darauf hat sich auch René Conrad, der hier verantwortliche Küchenchef eingestellt, und deshalb schmeckte mir das unprätentiöse Essen im Presseclub besser als das meiste, was in Berlin unter dem Kochkunst-Label verkauft wird. Wenn von preußischer Schlichtheit geredet wird, dann müsste sie in den V-Betrieben zu finden sein, wäre diese vorgebliche Schlichtheit nicht ein Höchstmaß an Raffinesse, gepaart mit einer Modernität, von der die deutsche Gastronomie im Allgemeinen weit entfernt ist.

Umso schockierender ist der Anblick der leeren Tische bei dieser Adresse. Wo sind die Journalisten, für die dieses Restaurant ursprünglich eingerichtet wurde? Vielleicht stört sie der Blick aus den großen Fenstern auf die bombastische Regierungsarchitektur. Die Küche jedenfalls hält jeden Vergleich mit den prominenten Adressen der Stadt aus. Und links vom Eingang gibt es ein Bistro, da sieht es etwas anders aus, die Preise sind niedriger, aber die Köche dieselben wie im Restaurant.

Noch vor wenigen Jahren beklagten sich Gastronomen bei mir, dass es ihnen unmöglich sei, am Prenzlauer Berg eine verfeinerte Küche anzubieten, weil Verfeinerung in diesem Bezirk Aggressionen auslöse. Ähnliche Notsignale erreichten mich aus Kreuzberg. Heute kochen sie dort in silbernen Kasserollen, dass es nur so schäumt.

Zum Beispiel Tim Raue in seinem E.T.A. Hoffmann im Hotel Riehmers Hofgarten. Insider, denen die eleganten Marmortempel in Berlin-Mitte zu lackiert sind, haben in diesem biederen Restaurant die kreativste Küche der Stadt entdeckt.

Um das zu erkennen, müsste jedoch erst einmal eine neue Beleuchtung angeschafft werden, weil das fahle Dämmerlicht nicht nur das Make-up der Damen, sondern auch die Ravioli grau aussehen lässt, die armseligen Tüllgardinen aber nicht eskamotiert. Sodann sind die endlosen Pausen zwischen den einzelnen Gängen zu beklagen, die den Chef veranlassten, uns ein süßes Waldbeerensorbet vor dem Hauptgang zu servieren, eine Reverenz vor den alten Zeiten gastronomischer Unsicherheit. Auch hat ihn damals der Elektroquirl wohl stark beeindruckt; denn seine Manier, alles was wie Suppe oder Sauce aussieht, schaumig zu quirlen, ist ebenfalls der Mode von gestern verpflichtet.