Für zwei Vertreter der britischen Oberschicht war das vergangene Jahr ein Erfolg: Prinz William verlängerte mit der Presse das Stillhalteabkommen über seine Privatsphäre. Und Tony Blair setzte den Schutz seines Familienlebens durch.

Für gewöhnliche Untertanen stand das Jahr unter einem anderen Vorzeichen: Denn während der Thronfolger und der Premierminister Diskretion aushandelten, mussten sich mehr Briten denn je den Zugriff auf wichtige persönliche Daten gefallen lassen. Die Menschen geraten immer weiter ins Visier von Staat und Unternehmen: als Bürger, als Kunden und als Angestellte. Die oberste Datenschützerin Großbritanniens, Elizabeth France, spricht von einer Gefahr für die Demokratie.

Die Observationsmethoden sind vielfältig: versteckte Kameras, E-Mail-Überwachung, Miniwanzen in Geschäften, Lauschangriffe per Satellit oder heimliche Gentests. Je mehr Möglichkeiten die Technologie eröffnet, desto mehr Daten werden erfasst. Ein Teil der unzähligen CCTV-Kameras, die das Treiben auf Londons Straßen filmen, können mithilfe einer neuen Software mittlerweile Millionen von Gesichtern registrieren.

In Großbritannien würden Personeninformationen systematisch gesetzeswidrig gespeichert und verwertet, sagt Simon Davies, IT-Experte der London School of Economics und Direktor von privacyinternational.org. Schon vor Jahren wurde bekannt, dass Supermärkte mithilfe von loyality cards Kundengewohnheiten analysieren - und die Daten verkaufen. Und dass Banken ihre Mitarbeiter filmen. Heute berichten die Gewerkschaften von Kündigungsfällen, weil Arbeitgeber die E-Mail-Witze ihrer Angestellten nicht lustig finden.

Noch alarmierender sind die geheimen Überwachungssaktionen durch den Staat.

Jedes Finanzamt kann sie veranlassen. Technisch helfen dabei der Inlandsgeheimdienst MI5 und die Government Communication Headquarters, kurz: GCHQ. Täglich sollen sie Tausende von E-Mails und Telefonaten bespitzeln - auch außerhalb der Britischen Inseln. Denn die GCHQ sind die europäische Zentrale des amerikanisch-britischen Abhörnetzes Echelon. Nach einem Bericht des EU-Parlaments gibt es "eindeutige Hinweise, dass Echelon regelmäßig Unternehmen mit Geheimdaten versorgt"

angeblich betreibt Großbritannien auch Wirtschaftsspionage in der EU. Die offizielle Rechtfertigung für die dataveillance ist der Kampf gegen Kriminalität und Terrorismus. Andere Verdächtigungen tut die Regierung als böswillige Unterstellungen ab: und das, obwohl der Staat selbst seit jeher mit James-Bond-Methoden Verschwörungstheorien hinterherjagt. Ex-MI5 Spion David Shayler, der vom gescheiterten Ghaddafi-Mord plauderte, wirft dem Apparat "exzessive und staatsgefährdende Geheimniskrämerei" vor.