Ein großer, breiter, gelber Fluss. Lehmige Ufer, spätes Licht, kein Mensch in Sicht, manchmal treibt schwarzes Holz vorbei. Grenzenlose zwölf Minuten, die nicht festzuhalten sind. Schon gar nicht in den Noten, aus denen solche Bilder steigen. Das Material für Seventy-Four ist einfach. Für 74 Instrumentalisten gibt es zwei Stimmen, eine für die hohen und eine für die tiefen Register.

Jede Stimme besteht aus 14 Noten. Bei jedem Ton steht, innerhalb welches Zeitraums er klingen soll. Das D, mit dem die obere Stimme beginnt, soll zum Beispiel vor der 45. Sekunde anfangen und zwischen der 30. und der 75.

Sekunde aufhören. In dem Rahmen darf jeder machen, was er will. Spielt kurz oder lang, sauber oder unsauber, schön oder schabend und reagiert auf weitere 73 Individualisten.

Unzählige Überlagerungen, Kontraste, Koinzidenzen. Jedes Mal wird ein anderes Stück daraus. Beim American Composers Orchestra klingt es, weil man sich auf eher lange Töne geeinigt hat, so, wie man sich den späten John Cage gern denken möchte, als er das Werk im März 1992, wenige Monate vor seinem Tod, entwarf. Eine gelassene, große Seele. Kein Ziel, kein Stress. Auch keine Langeweile.

Seventy-Four wird sogar mit jedem Hören spannender, weil in dieser Weite auch das wechselnde Befinden dessen, der zuhört, deutlich wird wie selten sonst.

Keine Absicht lenkt ihn, und doch versinkt er nicht in Beliebigkeit

Grundmaterial und Zeitökonomie haben eine eigene Konsistenz, und die Musiker haben Sinn für die Freiheit, die John Cage gewährt. Es gibt eine Strömung, einen Sog.