Die weißhaarige Frau auf dem Bildschirm hat sichtlich Mühe mit dem Sprechen. Die Wörter sperren sich, wollen erst dann hinaus, wenn die Frau sie ein paar Mal im Mund hin- und herbewegt hat. "Der Schlaganfall war vor einem Jahr", sagt sie dann langsam und sehr konzentriert, und man sieht, wie stolz sie darauf ist, dass das mit dem Reden schon wieder so gut klappt. Schließlich hat sie noch viel zu erzählen: von ihrem Großvater, der einer der reichsten Männer in Berlin war und sich in den Zwanzigern, als die Inflation ihren Höhepunkt erreichte, umbrachte; von ihrem Vater, der 1933 in die NSDAP eintrat, "weil er auch mal eine Arbeit haben wollte"; von der Nachkriegszeit, als "die Roten uns alles weggenommen haben, weil wir angeblich gegen die Kommunisten gewesen sind".

Lutz Körner drückt auf die Pausentaste seines Videorecorders. Die alte Frau erstarrt, den Finger ob der damaligen Ungerechtigkeit immer noch anklagend auf den Zuschauer gerichtet. "Erzählt sie nicht wunderschön?", fragt Lutz Körner mit glänzenden Augen. "Und das ist erst der Anfang!"

"Die Leute sterben mir ja weg"

Lutz Körner, 54, hat viel vor. Er will die Lebenserfahrungen der Berliner sammeln und auf Video festhalten. Möglichst vieler Berliner. Am liebsten: aller Berliner. Ungekürzt und unverfälscht.

Anfangen will er mit den über 70-Jährigen. Von deren Geburt bis zur Gegenwart soll alles bewahrt werden. Die Herkunft der Hebamme ebenso wie Erinnerungen an die Straße, in der die Schule war, das Lieblingsgericht der Kindheit, die Ausstattung der Wohnung, der Arbeitsplatz des Vaters, Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, Erlebnisse im Krieg, der Lebensweg im einen oder anderen deutschen Staat, Liebe, Krankheit, Tod und Leid, Erfüllung und Enttäuschung im Beruf, Konflikte mit dem System, der Gesellschaft, der Verwandtschaft, dem Ehepartner - alles, was ein Leben ausmacht, sollen ihm seine Protagonisten vor laufender Kamera erzählen. 20, 40, 60, 80 Stunden lang. So lange, bis Körner alles festgehalten hat und keine Lebenserfahrung mehr verloren gehen kann. Denn das ist seine große Sorge: "Die Leute sterben mir ja weg, ich muss mich beeilen."

Deswegen hat Körner sogar extra einen Verein gegründet: "Berlin-Gedächtnis-Verein" steht oben groß auf seinen Briefen und darunter "gemeinnütziger e. V.". "Spenden an Vereine kann man von der Steuer absetzen", weiß Körner. "Außerdem soll niemand denken, wir machen damit Gewinn." Die Gefahr besteht erst mal nicht: Körner und seine 38-jährige Frau Franziska, die gemeinsam mit ihm gegen das Vergessen arbeitet, sind bis über beide Ohren verschuldet. Nicht weil sie so maßlos gelebt hätten, sondern weil sie ihr ganzes Geld - und weit mehr - in ihre biografischen Projekte investiert haben, immer in der Überzeugung, dass das, was sie machen, gebraucht wird.

"Lebenserfahrungen müssen gerettet werden, im Grab sind sie verloren", da sind sich Lutz und Franziska Körner einig. Und: "Es gibt kein uninteressantes Leben. Alles ist wichtig. Wenn nicht jetzt, dann später." Die Körners haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ihnen wildfremde Menschen schon nach kurzer Bekanntschaft ihre Lebensgeschichte erzählen. Das haben sie als Hinweis auf ihre Bestimmung verstanden: "Das Schicksal hat es uns aufgebürdet." Bis jetzt haben sie elf alte Menschen interviewt und auf ein- bis zweieinhalbstündigen Videos verewigt. Für Körner sind das allerdings nur "Kurzfassungen". Die möchte er potenziellen Sponsoren vorführen. Wenn dann erst einmal das Geld fließt, soll das Aufzeichnen kompletter Lebensgeschichten im großen Stil beginnen.