Auch dieser Gipfel wird wieder Berge versetzen - Berge von Papier. Schließlich gibt es kein Thema, zu dem die Regenten der EU während ihres Treffens Ende dieser Woche in Stockholm nichts zu vermelden hätten: vom Frieden auf dem Balkan über die Zusammenarbeit mit Russland zu den Chancen der Alten Welt in der New Economy - alles wird gut!

Doch Vorsicht. Langfristig könnte mancher Beschluss von Stockholm tatsächlich mehr wert sein als das Papier, auf dem er gedruckt wird. Das gilt zum Beispiel für jene Übung, der sich die Herren der 15 EU-Länder am Freitag zum ersten Mal überhaupt unterziehen: Zwei Stunden lang werden sie Europas "Grundzüge der Wirtschaftspolitik" bereden, um anschließend ihren Finanzministern und der Brüsseler Kommission die Zielvorgabe für das Jahr 2001 zu verabreichen. Das ist neu - und richtig. Endlich wird die gemeinsame ökonomische Strategie, noch vor Jahresfrist kaum mehr als ein Aktenkonvolut in der Ablage der Brüsseler Kommission, zur Chefsache. Kanzler, Premiers und Präsidenten - sie alle üben nun den spröden Spruch von der "wirtschaftspolitischen Koordination".

Treibende Kraft dieser überraschenden Volte ist der Euro. Sicher, die Währungsunion existiert seit 1999. Doch jetzt kommt die Währung zum Anfassen. In neun Monaten wird die Münze unter die Völker gebracht. Da prägt der Euro schärfer denn je das Bewusstsein der Politik. Die monetäre Schicksalsgemeinschaft benötigt eine gemeinsame Wirtschaftspolitik - und Disziplinarinstrumente für den Fall, dass ein Land das vereinbarte Regelkorsett lockert.

In rauen Zeiten dient dazu der Stabilitätspakt. Der droht jedem Partner mit drakonischen Strafen, wenn er zu große Defizite in seinem Haushalt zulässt. In Phasen sonniger Konjunktur hingegen gelten die Brüsseler Grundzüge der Wirtschaftspolitik als das Schnürwerk, das für die gesamte EU und für jedes Land hehre Ziele und leidige Reformen in verbindliche Programme packt. Das zwickt, tut bisweilen gar weh: Europas Rüge für Irlands konjunkturaufheizende Steuerpolitik hat bewiesen, wie gewissenhaft die EU mittlerweile überwacht, dass jeder in der Euro-Klasse seine Hausaufgaben macht. Voriges Jahr mühte sich Wien (erfolgreich) ab, einem Brüsseler Rüffel zu entgehen; seit vergangener Woche stehen Portugals Defizite in Haushalt und Leistungsbilanz am Pranger. Der Euro treibt den Regierungschefs die Pflicht ins Gehirn.

Eben deshalb wollen Staatenlenker fortan das erste und das letzte Wort haben. Erst nach der Debatte in Stockholm darf die EU-Kommission die "Grundzüge der Wirtschaftspolitik für das Jahr 2001" entwerfen; in Kraft treten sie frühestens, wenn die wahren Machthaber im Juni auf dem EU-Gipfel in Göteborg jedes Komma geprüft haben. Das alles mutet träge an, bürokratisch papieren. Aber so entfaltet sich allmählich jene gemeinsame Wirtschaftspolitik, nach der längst auch die Europäische Zentralbank verlangt. Denn jeder Währungspolitik muss im wirtschaftspolitischen Vakuum die Luft ausgehen.

Freilich rückt das Zentrum all dieser Koordinierung an einen Ort, den es - wenigstens laut EU-Vertrag - überhaupt nicht gibt: in die "Euro-Gruppe". In dieser Tafelrunde der zwölf Euro-Finanzminister wird Tacheles geredet, streng vertraulich. Nur: Entscheidungen treffen dürfen die Herren Eichel & Co. eigentlich nur, wenn auch Briten, Dänen und Schweden im Raum sitzen. Die Wirklichkeit sieht freilich längst anders aus. Die jüngste EU-Kritik an Irland und Portugal etwa wurde im Kreis der zwölf Euro-Nationen ersonnen, hernach servierte die Kommission entsprechende Beschlussvorlagen. Und der Ministerrat akzeptierte, was auf den Tisch kam.

Es klappt, leidlich. Demnächst wollen die zwölf Finanzminister gar so weit gehen, sich heimlich ihre künftigen Haushaltspläne zuzuflüstern, noch ehe sie ihren Parlamenten zu Hause etwas sagen. Das rührt dort an heiligste Budgetrechte. Spätestens dann werden zu Recht die Rufe nach klareren Regeln erschallen. Nach mehr Demokratie und Kontrolle. Europa lernt gerade erst, mit dem Euro zu leben. Stockholm liefert die nächste Lektion.