Vergessen der Schneesturm gestern nach Einbruch der Dunkelheit, als wir uns, von Sofia kommend, über die spiegelglatte Autobahn Richtung Plovdiv kämpften. Vergessen auch die Serpentinen auf der fast unpassierbaren Bergstraße hinauf ins Skigebiet Pamporovo. Immer hart am Rande der Katastrophe, die Worte der bulgarischen Reiseführer im Kopf, die unisono entschieden von Autofahrten in der Nacht abrieten.

Der Schneesturm? Wie weggeblasen. Drüben schimmern die Pisten im Kiefernwald. An der Rezeption wartet Denko, der Skilehrer. Ein harter Job, auch in Bulgarien. "Lange Abschlussfeier gestern in Disko", stöhnt er. Steckt er noch immer oder schon wieder im Skianzug? Im Pendelbus zu den Liften nimmt Denko erst mal eine Mütze Schlaf. Hotel Mourgavetz, Hotel Prespa, Hotel Rojen - Pamporovo ist kein Ort, sondern eine Ansammlung von Hotelkomplexen, Zweckbauten, errichtet in den achtziger Jahren vom kommunistischen Shiwkow-Regime für westliche Winterurlauber. Als Devisenbringer für die Planwirtschaft. Nicht wirklich schön, nicht wirklich hässlich. Dazwischen verbergen sich in den Tannen verwitterte Jagdhütten und Schlösser des bulgarischen Adels, der im 19. Jahrhundert die Berge für sich erschloss. Und jene eher zweckmäßigen Sanatorien für verdiente kommunistische Parteikader. Nach ihrer Privatisierung werden sie nun vereinzelt zu Vier-Sterne-Herbergen aufgemotzt. Neuerdings gibt es auch in Pamporovo eine orthodoxe Kirche.

Für Wim, den Holländer, ist es Bulgarien-Urlaub Nummer 24: "Die Landschaft ist fantastisch, und die Leute sind so freundlich." Allerdings sei es leider nicht mehr so billig wie in Zeiten des Kommunismus. Aber immer noch billig genug. Auf dem Weg zu den Liften wird Holländisch, Englisch, Deutsch, Dänisch, Griechisch, Türkisch und natürlich Bulgarisch gesprochen.

Hier feiert Bulgariens neue Hautevolee

Ausstaffiert mit Urmodellen von Carving-Skiern, steuern wir einen modernen Dreiersessellift an. Denko hat sich mittlerweile ins Bett abgemeldet. Auch Peer, unser Liftnachbar aus Kopenhagen, kämpft mit den Folgen der Nacht. Er sieht nicht fit aus, doch die Gefahr, sich hier den Hals zu brechen, ist gering. Die meisten Pisten - Ausnahme: eine Abfahrt namens die Wand - schlängeln sich beschaulich zwischen Kiefern zu Tal.

Zudem finden sich überall Bretterbuden zum Auftanken. Der bulgarische Glühwein ist durchaus einen Halt wert. Und mittags stoppt man in der Lodge. Holzgetäfeltes Interieur, prasselndes Kaminfeuer - ein bisschen Colorado-Ambiente mit strikt einheimischem Speiseplan. Der deftige Nationaleintopf Kawarma wäre zu empfehlen, dazu ein sehr annehmbarer bulgarischer Cabernet. Ansonsten kommt man weniger der Gastronomie wegen hierher. Faustregel: Man halte sich an einfache Gerichte, an Salate und Suppen.

Ringsum in der Hütte stoßen Einheimische auf das Wochenende an. Sie gehören zur Hautevolee des neuen Bulgarien. Leute, die bisweilen auf, sagen wir, fantasievollen Wegen zu Geld gekommen sind. Liftpreise von 13 Mark am Tag kann sich bei einem Durchschnittseinkommen von monatlich umgerechnet weniger als 250 Mark nicht jeder leisten. Ausländische Wochenendgäste blättern locker das Dreifache hin, nicht nur für den Skipass, auch fürs Hotelzimmer. Wohl denen, die eine Pauschalreise gebucht haben. Zwei Wochen Pamporovo mit Flug und Halbpension sind schon ab 700 Mark zu haben.