Georgette Dee, 42, wird von der Kritik als "Deutschlands größte Diseuse" gefeiert. Auf der Bühne trägt der Sänger Frauenkleider, qualmt, trinkt und inszeniert große Gefühle zur kunstvollen Show. An seiner Seite der Pianist und Komponist Terry Truck: Zum 20-jährigen Bühnenjubiläum erscheint im Mai bei Droemer-Knaur ein autobiografischer Rückblick, "Das Album". 20 eigene Programme hat das Duo bereits aufgeführt, das aktuelle heißt "Drachenland"

Als Kind hatte ich immer ein Gefühl von Fremde in mir, fühlte, ich war anders, wusste aber nicht, warum und wie. Wir lebten in Bergen, einer Flächengemeinde in der Lüneburger Heide, wo sich meine Eltern - mein Vater war Drogist, Mutter Hausfrau - nach der Flucht aus Pommern niedergelassen hatten. Meine vier Geschwister und ich hatten viele Freunde; alles schien, wie es sein sollte.

Mit sechs Jahren wurde es mir eine große Lust, in Mutters Kleiderschrank zu stöbern. In wallenden Gewändern, umgeben von viel rauschendem Stoff, fühlte ich mich wohl. Kreationen zwischen Indianer und Barschlampe gefielen mir am besten. Der Kick war eine bunte Faschingsperücke, für die ich eisern mein Taschengeld gespart hatte. Meine Eltern ließen uns einfach machen, mein fünf Jahre älterer Bruder wurde mir zum wichtigen Partner: Er sah sich als Künstler, gab Salvador Dalí.

In der achten Realschulklasse gründete ich eine Tanz- und Theatergruppe. Wir waren zu zehnt, meist Mädchen, und kreierten in wilden Fantasiekostümen nach Gutdünken so etwas wie prähistorischen Ausdruckstanz. Unsere Lehrer sahen es sich an, schwiegen und wirkten paralysiert; so viel Fantasie erschien ihnen unheimlich, war ihnen zu subversiv. Dennoch durften wir an einem Schulfest mitwirken - mit einem griechischen Volkstanz, den sie sich zuvor angeschaut hatten.

Mit Schule verbinde ich zweierlei: Ich wollte schnell weit fort und fand keine wirklichen Gesprächspartner. Nachhaltig prägte mich nur der Deutschlehrer, den ich in der neunten und zehnten Klasse hatte. Er ohrfeigte mich, weil ich hinter seinem Rücken schlecht über ihn gesprochen hatte. Was ich gesagt hatte, weiß ich nicht mehr, doch ich bin ihm dankbar: Die Ohrfeige beweist, dass ich ihm etwas bedeutete. Das zeigte mir auch sein Kommentar unter meiner Interpretation des Kafka-Textes Auf der Galerie. Sie gefiel ihm, aber er schrieb: "Hüte Dich vor der ständigen Mystifizierung der Dinge." Dieser Satz begleitet mich bis heute - als Warnung, sollte die Fantasie mit mir durchgehen.

Mit 15, 16 Jahren, trampte ich zuweilen - ohne dass jemand davon wusste - nach Hannover und Hamburg, um ins Theater zu gehen. Gut erinnere ich mich an Dantons Tod: Der Schauspieler war schlecht, spuckte bis in die fünfte Zuschauerreihe, schrecklich, aber diese Welt faszinierte mich; ich wollte Schauspieler werden, doch wie man das wird, konnte mir zu Hause niemand erzählen. In meiner Familie ergriff man soziale Berufe, also lernte ich Krankenpfleger.

Die Arbeit mit Patienten gefiel mir, ob ich im Notdienst zu tun hatte oder in der Psychiatrie, ob in den Alsterdorfer Anstalten in Hamburg oder, ab 1980, an verschiedenen Kliniken in Berlin. Von Kollegen und Ärzten ließ ich mir nichts gefallen, fiel auf durch hennarotes Haar - und fand, fast nebenbei, den Weg zu meiner Berufung. Als ich Mitte der siebziger Jahre meine Pflegerausbildung in Hamburg begann, entstand dort gerade aus den Reihen von Studenten und politisch Motivierten eine Schwulenbewegung. Brühwarm, die erste freie schwule Theatergruppe, wurde gegründet; ich fand Anschluss im Bekanntenkreis von Leuten wie Rio Reiser und Corny Littmann, freundete mich mit Ernie Reinhard (heute Lilo Wanders) an, begann, schrille Chansons zu proben, guckte bei anderen Künstlern zu und lernte über einen Freund Terry Truck kennen. Gleich unser erstes gemeinsames Programm, Black Butterfly (1980), kam beim Publikum sehr gut an. Zum Durchbruch verhalf uns zwei Jahre später Peter Hahn, damals Intendant am Theater am Turm in Frankfurt. Er gab uns eine Bühne, lud Kritiker großer Zeitungen ein zu unserem dritten Programm Geburtstagslieder fürs Hexenland; im selben Jahr hängte ich den Pflegeberuf an den Nagel.