Selbstvergessen kauert der Vater mit Sohn und Tochter auf dem Teppichboden. Baut mit bunten Holzklötzen Türme, steckt Schiene an Schiene, bis die Modelleisenbahn ihre Runden dreht ... Eine seltene Szene: Die Mehrzahl der heutigen Kinder erleben ihre Väter, sofern sie diese überhaupt noch erleben, als gehetzte Wesen mit Aktentaschen und Laptops, als Angestellte, Beamte, oder - wenn überhaupt verbunden mit Technik - als remote controller einer automatisierten Arbeitswelt.

Dabei sagen viele Studenten der Ingenieur- und Naturwissenschaften, es sei gerade das frühe Erleben technischer Gestaltungsmöglichkeiten gewesen, dass sie zu ihrem Studium angetrieben hätte. Doch mit der zunehmenden Mütterzentrierung der Familien, der Entmechanisierung der Arbeitswelt und dem Zeitdruck, unter dem Eltern heute meist ihre Kinder aufziehen, ist dafür immer weniger Raum. Technik und Natur bleiben im Kinderzimmer abstrakt.

Das Elternhaus ist nur die erste Station eines Sozialisationskurses, bei dem technisches und naturwissenschaftliches Wissen leicht auf der Strecke bleibt.

Denn unbestritten ist: Die naturwissenschaftlichen Fächer Physik und Chemie sind bei Studienanfängern ebenso unbeliebt geworden wie die meisten ingenieurwissenschaftlichen Fächer. Der Anteil der Studierenden, die in Westdeutschland ein ingenieurwissenschaftliches Studium begonnen haben, ist von 1990 bis 1997 von 23 auf 17Prozent zurückgegangen; bei den Naturwissenschaften von 17 auf 14 Prozent. Da die Zahlen der Studierenden insgesamt abnehmen, sind die absoluten Rückgänge noch dramatischer: An vielen Universitäten ist die Zahl der Erstsemester in Chemie um 60 Prozent gesunken.

Zwar gab es in den letzten beiden Jahren in den Ingenieurwissenschaften wieder mehr Studienanfänger. Trotzdem scheint der Nachwuchs in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern auszugehen. Woran liegt das?

Eine Studie der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg zeigte, dass der Rückgang der Absolventen in mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Fächern nicht auf mangelnde Technikakzeptanz oder Technikfeindlichkeit von Jugendlichen zurückgeführt werden kann. Als wesentliche Ursachen erweisen sich strukturelle Gründe: die demografische Entwicklung, Veränderung der Familienstruktur hin zur "vaterlosen Gesellschaft". Und institutionelle Gründe, die mit Schule, Universität (vor allem Studienabbruchneigung) sowie Berufsberatung zusammenhängen. Dazu kommt der Verlust des Nimbus der sicheren Berufsaussichten, ausgelöst durch die Entlassungswelle von Technikern und Ingenieuren Anfang der neunziger Jahre. Der Wertewandel von materialistischen hin zu Selbstverwirklichungswerten kann ebenso als Erklärung mit herangezogen werden.

Auch modische Zeitströmungen, von der jungen Generation begierig aufgegriffen, schlagen sich in der Studien- und Berufswahl nieder. Gerade sind die Themen Gesundheit, Fitness oder Börse aktuell. Sie führen zur Aufwertung von Fächern wie Medizin oder Wirtschaftswissenschaften. Ein Studium der Technik außerhalb der Computerwissenschaften wird eher als "altbacken" empfunden.