Beim Umzug gab es erstaunlich wenig zu schleppen. Als im vergangenen Jahr die Sun GmbH, die deutsche Tochter des amerikanischen Computergiganten Sun Microsystems, in die Sonnenallee 1 in Heimstetten bei München zog, hatte man jedem der knapp 1000 Mitarbeiter exakt einen Umzugskarton fürs Büroinventar zugestanden. Der Rest: Altpapier. Grund für das resolute Aufräumen: In Heimstetten sollte ein "Flexible Office" entstehen, ein für Deutschland noch ziemlich ungewöhnliches Bürokonzept ohne feste Arbeitsplätze. Man setzt sich, wo Platz ist, und knipst den Rechner an. Das funktioniert nur, wenn das Büro radikal papierlos ist.

"Herzlich willkommen bei Sun. Bitte folgen Sie mir. Ich wohne in der dritten Etage." Ein seltsamer Satz aus dem Mund von Christine Keller, Leiterin Vertriebsunterstützung. Der Gedanke, hier zu wohnen, liegt noch ferner als in einem herkömmlichen Büro. Vielleicht muckt in dieser Formulierung ja der Alte Mensch auf. Der markierte schließlich noch sein Revier mittels Topfpflanzen, Fotos der Liebsten, Bastelarbeiten der Kinder, er verscheuchte Fremdlinge und arbeitete mit Murren. Der Neue Mensch dagegen braucht keinen Ort mehr, nur noch einen Internet-Zugang. Wer ihm auf den Pelz rückt, wird freundlich begrüßt und kommunikativ vereinnahmt. Arbeit ist Spaß, und Spaß ist immer (also ist auch Arbeit immer).

Plätze werden vorher reserviert - wie im Restaurant

Christine Keller geht voran und simuliert den Ernstfall im Flexible Office. Angenommen, sie beträte ungeplant das Haus und suchte einen Schreibtisch. Sie wendet sich an eins dieser dunkellila ("Sun-blau") gestrichenen Ratgeber-Terminals und meldet sich mit ihrer Smart Card an. Der Computer zeigt ihr den Grundriss des Gebäudes mit den momentan freien Arbeitsplätzen. Sie könnte jetzt einen Platz reservieren und besetzen (sie hätte das auch von zu Hause, vom Flughafen oder irgendeinem Internet-Café dieser Welt aus tun können).

Die meisten Arbeitsplätze befinden sich hier in kleinen Großraumbüros mit bis zu acht Schreibtischen. Frau Keller hat heute ausnahmsweise ein Einzelzimmer gebucht. Zuvor hat sie in einer "Garage" ihren "Caddy" abgeholt, ein Wägelchen mit Rädern, welches ihr Privatleben enthält und mit Ansichtskarten geschmückt werden darf - sie hat eine Karte mit Traumstrand und eine mit einem Audi TT aufgeklebt.

Das Einzelbüro (für sehr intensives Nachdenken, sehr lautes Telefonieren oder vertrauliche Gespräche) ist schlicht möbliert: Schreibtisch, Bildschirm, Telefon, Tisch, zwei Stühle, Poster "Matisse" an der Wand und Ficus benjamini vor dem Fenster. Bescheidene Verhältnisse für eine Mitarbeiterin in Leitungsfunktion, doch hier gilt: Wenn das Management nicht mit gutem Beispiel vorangeht, ist das Flexible Office nicht durchzusetzen. Frau Keller klemmt ein Namensschild an die Tür, klappt den Caddy auf und knipst den Rechner an. Der erkennt ihre Smart Card und präsentiert ihr sogleich die persönliche Bildschirmoberfläche der letzten Session. Erst jetzt sagt sie: "Das ist mein Büro."

Das Flexible Office ist der praktische Anwendungsfall der Sun-Technologie auf eine Büroorganisation. Der Ernstfall für die schnellen Maschinen und das Know-how, wie man diese Maschinen zur Kooperation mit anderen Computern, internen Netzen und dem Internet veranlasst. Heimstetten ist zum größten hiesigen Referenzprojekt des Computerbauers geworden. Neugierige und skeptische Unternehmer gehen hier ein und aus wie in einem Musterhaus. Skepsis kommt auf, wenn man an den Menschen als Gewohnheitstier denkt, der sich gern einrichtet, der sich freut, wenn er seine Bedeutung durch die Größe des Schreibtischs und die Anzahl der Fenster in seinem Büro belegen kann. Andererseits spart Flexible Office bis zu 30 Prozent Bürofläche, also Geld. Man braucht weniger Schreibtische, indem man sie sozialisiert und auf die anwesenden Mitarbeiter verteilt. Und man braucht im papierlosen Büro weniger Aktenschränke, weniger Platz für Papierarchive und Ablagen.