Wenn Alfred Tacke über die Zukunft der öffentlichen Verwaltung spricht, dann nimmt er gern das Wort "Revolution" in den Mund. Tacke, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, vergibt dreistellige Millionenbeträge an Modellprojekte der Verwaltungsmodernisierung. "Die Zukunftsfähigkeit moderner Gesellschaften wird auch daran gemessen, wie modern die Verwaltung ist", sagt er, "das bedeutet eine Revolution der öffentlichen Verwaltung, denn man kann moderne Organisationsmethoden und Kundenorientierung nur durchsetzen, wenn man gleichzeitig höchste Effizienz in den Prozessen hat."

In Wiesloch, einer badischen Kleinstadt, sieht die Verwaltungsrevolution so aus: Für jede Mark, die der Stadtkasse entnommen werden soll, musste bisher eine Auszahlungsanordnung im A4-Format ausgefüllt und von zwei Zeichnungsberechtigten unterschrieben werden. Jetzt wird dieses Formular noch immer von Hand ausgefüllt, dann aber nicht zur Zahlstelle gegeben, sondern zunächst eingescannt, mit einem Strichcode wieder ausgedruckt und erst danach unterschrieben und zur Kasse getragen. Dort werden die Daten auf dem Ausdruck noch einmal per Hand in ein Computerprogramm eingegeben, erst dann wird gezahlt. "Unser langfristiges Ziel ist die dezentrale Erfassung, um die doppelte Eingabe zu vermeiden", sagt Michael Thome, Leiter der Wieslocher Stadtkasse, "noch fehlt uns dafür aber die notwendige Hardware und Schulung." Auf das doppelt handschriftlich unterzeichnete Formular wird man aber selbst nach der zweiten Modernisierungsstufe nicht verzichten können. Die Gemeindeprüfungsanstalt verlangt auch bei Auszahlung von 4,50 Mark die Einhaltung des "Vieraugenprinzips", das durch die doppelte Unterschrift zu belegen ist.

Das Beispiel ist typisch für die Umstellung deutscher Amtsstuben auf die elektronische Datenverarbeitung. Landauf, landab wird die moderne Technik nicht dazu genutzt, Arbeitsabläufe zu vereinfachen. Stattdessen verlangen die Behörden, dass die Computer genau das tun, was vorher mit Schreibmaschine und Formular erledigt wurde. Die Eingaben am Bildschirm sollen nicht automatisiert weiterverarbeitet, sondern möglichst perfekt in die gewohnten Formulare gedruckt werden, um diese dann "zu den Akten" nehmen zu können.

Nicht nur in Wiesloch treibt diese Denkweise der staatlichen Verwaltung die Hersteller von Behördensoftware zur Verzweiflung. Im großen Stil ist die elektronisch gestützte Verwaltungsmodernisierung im vergangenen Dezember in Berlin geplatzt. Oracle, das zweitgrößte Softwareunternehmen der Welt, hatte dort den Auftrag übernommen, für 15 Millionen Mark ein System zur elektronischen Sachbearbeitung von Sozialhilfezahlungen zu entwickeln. Unter dem großspurigen Namen Basis3000 sollte es eigentlich am 1. Januar 2000 eingeführt werden. Doch der Termin musste mehrmals verschoben werden, bis Oracle schließlich das Handtuch warf.

Für jeden Brief muss der Computer neu gestartet werden

"Die objektiv nicht vorhersehbare Komplexität führte zu finanziellem und zeitlichem Mehraufwand, verbunden mit mangelnder Akzeptanz der potenziellen Benutzer und damit zu hohen Risiken", teilte Oracle als offizielle Begründung mit. Drei Projektleiter hatte der Software-Multi in der unfruchtbaren Zusammenarbeit mit den Sozialbehörden verschlissen. Jeder der zwölf Berliner Bezirke hatte nämlich seine eigenen Vorstellungen davon, wie die Regeln des Bundessozialhilfegesetzes im Amtsstubenalltag angewendet werden sollen. Und bei den Sachbearbeitern war die Lust, sich auf ein neues Computerprogramm mit neuen Fehlern umzustellen, äußerst gering.

An die Fehler des alten Programms hatte man sich schließlich längst gewöhnt. Das heißt Prosoz und wurde ab Mitte der achtziger Jahre mit Bundesmitteln von öffentlichen Rechenzentren in Herten und Bremen entwickelt. Richtig funktional ist es bis heute nicht. Prosoz läuft nämlich nicht unter Windows. Wer also zwischendurch einen Brief schreiben will, muss den Rechner erst mal neu starten. Die Rückkehr zu Prosoz erfordert einen weiteren Neustart. Außerdem prüft Prosoz die eingegebenen Daten der Sozialhilfeempfänger schon bei der Eingabe. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis sind diese Plausibilitätsprüfungen, in den Amtsstuben kurz "Plausis" genannt, gefürchtet. Denn kaum ein Sozialhilfefall passt in die vorgestanzten Raster der Eingabemasken. Damit das Programm trotzdem läuft, sind die meisten Prosoz-"Plausis" abgeschaltet.